Der Offenburger Verleger Franz Burda, den alle nur „Senator“ nannten, hielt es mit einer intensiven Leistungs- und Spaßkultur: „Ich bin autoritär, aber ich mach’s luschtig“, sagte er gern. Mit dieser Maxime hatte der Patriarch (1903 bis 1986) in zweiter Generation einen Druckerei-Kleinbetrieb zur deutschen Mediengröße ausgebaut, mit „Bunte“ und Bambi, mit „Freizeit-Revue“ und „Freundin“. Und seine Frau Aenne Burda zimmerte, separat von ihm, einen internationalen Verlag rund um „Burda Moden“.
Von der alten Lust am Feiern und badischer Weinseligkeit war etwas zu spüren, als Verlagschef Philipp Welte, 63, im Dezember nach 31 Jahren intern verabschiedet wurde. Man hielt emotionale Reden, weinte sogar. Gesellschafter Jacob Burda, 35, stimmte „Gente di Mare“ an, ein Lied über die Freiheit der Seeleute, die sesshafte Stadtbürger hinter sich lassen. Und Hubert Burda, 85, Sohn von „Senator“ Franz, konzedierte gut gelaunt, jetzt habe man den scheidenden Manager verstanden.
Man konnte es für das Ende einer Ära halten. Das „alte Burda“.
So fidel es an diesem Abend in der Münchener Arabellastraße, dem zweiten Konzernsitz neben dem alten Headquarter in Offenburg, auch zuging, die aktuelle Lage in dem Familienunternehmen lädt weniger zum Mitsingen ein. Nach 30 Jahren mit Aufwärtsschwung, bedingt etwa durch den ökonomischen Erfolg des 1993 gestarteten Magazin „Focus“, durch solide Verlagsarbeit, Börsengänge oder etliche geglückte Start-up-Investments, waren die letzten drei Jahre eher in Moll gehalten: Abrupte Führungswechsel, missratene Manöver, unklare Konzepte und eine Rekordverschuldung zeugen von einem gefährlichen Trend. Zuletzt wurden – geradezu einzigartig – gleichzeitig sowohl Vorstand als auch Verwaltungsrat personell durchgerüttelt.
Der Umsatz der „Tech und Media Company“ sank von 2,94 Milliarden Euro (2021) auf 2,74 Milliarden im Jahr 2024, die Geschäftszahlen für 2025 würden „in etwa auf, beziehungsweise leicht darunter“ liegen, merkt eine Burda-Sprecherin auf Anfrage an. Ohne Firmenverkäufe und ohne Reorganisation dürften die Malaise am Ende kaum zu lindern sein – markante Vorzeichen für den eingeleiteten Generationswechsel im Haus.
Oben auf der Kommandobrücke ist mit Jacob Burda und seiner Schwester Elisabeth Burda Furtwängler, 34, seit einem Jahr die vierte Generation vertreten. Die beiden tragen, so die offizielle Lesart, gemeinsam und übergreifend die Verantwortung, dennoch scheint man eine Art Arbeitsteilung zu praktizieren: Er schaut besonders auf die vielen Nicht-Verlags-Beteiligungen des Hauses, wobei der Vermögenszuwachs der eigenen persönlichen Investments ihn qualifiziert. Sie hingegen – erklärter Fan von Großmutter Aenne Burda („Der Wunsch nach Schönheit ist krisenfest“) – kümmert sich vor allem ums Stammgeschäft der Zeitschriften. Schließlich hatte ein Offenburger Manager in den 1990er-Jahren sogar einen Titel nach ihr benannt: „Lisa“.
Einer kleineren Fangemeinde ist die Neu-Verlegerin als Rapperin „Kerfor“ bekannt geworden. Zusammen mit ihrer Mutter, der Schauspielerin und Ärztin Maria Furtwängler, 59, hatte sie vor mehr als zwei Jahren in der „Süddeutschen Zeitung“ verkündet, Frauen und jetzt auch Klima seien „die Battlegrounds, auf denen wir uns aktivistisch einsetzen“. Gemeinsam trägt man die entsprechend ausgerichtete Malisa-Stiftung.
Nun sitzt Elisabeth Burda Furtwängler ganz oben im siebten Stock des Arabellastraßen-Hauses und redet viel mit dem Führungspersonal der Redaktionen und Verlage, auch über Nachhaltigkeit und Pluralität, zum Wertekompass gehören zudem Demokratie und europäische Werte. Agil pocht sie auf Verjüngung und regt mehr Podcasts an. Burda-Verwaltungsrätin Ulrike Handel, früher Springer-Vorständin, sowie Unternehmensberater Walter Kohl, Sohn des Einheitskanzlers Helmut Kohl, sollen zu wichtigen Gesprächspartnern gehören.
Aber auch enge Vertraute wissen nicht, ob der demonstrierte Führungsanspruch rasch Erfolg bringen wird. Die Konjunktur schwächelt, die Auflagen sind in der Branche generell rückläufig, die so wichtigen Werbeerlöse wanderten zu den US-Internet-Monopolisten Google, Facebook und Amazon sowie zum chinesischen Aufsteiger Tiktok ab. Hohe Hürden für die Chefin, die Kunstgeschichte in Cambridge sowie Songwriting und Produktion in Los Angeles studiert hat und es nun mit einem Groß-Sortiment zu tun hat: von Nutzwertblättern (Garten, Kochen) über unterhaltende Frauenzeitschriften und Wochenmagazine („Bunte“, „Focus“) bis hin zu gehobenen Objekten wie „Elle“.
Verlagsmann Welte, gelernter Journalist mit Gefühl für Themen und Autoren, ist nicht mehr dabei. Überraschenderweise wurde nichts aus der Planung, dass er für eine gewisse Zeit seine Erfahrung im Verwaltungsrat einbringe. Im Gespräch mit Familie Burda sei im Dezember 2025 „in Freundschaft und gegenseitigem Respekt“ entschieden worden, es sei für alle sinnvoller, den Generationswechsel Ende 2025 „endgültig abzuschließen“, so die Verlagssprecherin.
Der Wunsch, ihn – „aktivistisch“ im Sinne der Verlegerin – durch eine Frau zu ersetzen, erfüllte sich nicht. Der Job ging letzten Endes an Jan Wachtel, 45, der bei seinen letzten Stationen – RTL in Köln und Bauer Media Group in Hamburg – keine besonders hellen Leuchtsignale auf dem Weg in die digitale Zukunft abgegeben hat. Er sei die „erste Wahl“ gewesen, betont die Burda-Sprecherin. Der Newcomer soll in den nächsten Monaten eine Medienstrategie entwickeln, etwa zur Dauerfrage, wie Print und Online besser zu integrieren seien. So agiert Focus Online noch immer unabhängig von der Zeitschrift „Focus“ und deren neuem Digitalangebot Focus+.
Für alle im Haus Burda ist fatal, dass Altlasten wie Mühlsteine am Gesamtunternehmen hängen. Viele machen dafür den ausgeschiedenen Majordomus Paul-Bernhard Kallen, 68, verantwortlich. Der kluge Ökonom, einst vor drei Jahrzehnten als McKinsey-Berater ins Haus gekommen, hatte mit lukrativen Deals – zum Beispiel An- und Verkauf von Aktien des Tierfutterhändlers Zooplus – bei Hubert Burda den Ruf eines genialen Vermögensvermehrers erworben. Die Zukunft schien sicher.
Dann aber machte Kallen seinen überforderten Schützling Martin Weiss, 58, zum Nachfolger als CEO, zwei Jahre später war schon Schluss für ihn. Vor allem aber ärgern sich die Burdas – so ist oft zu hören – über Kallens Rat, die einst börsennotierte Online-Firma New Work sukzessive komplett zu kaufen und von der Börse zu nehmen. Der Erwerb von Aktien über die Börse sowie die Abfindung verbliebener Aktionäre über „Delisting“ und „Squeeze-out“ dürfte insgesamt mehr als 200 Millionen Euro gekostet haben. Der Unglücksdeal trieb die Konzernschulden – in Normalzeiten bei rund 200 Millionen zu vermuten – in unangenehme Sphären, die Finanzierung drückt auf Bilanz und Gemüt. Als Familienunternehmen mache man über die Höhe der Verbindlichkeiten keine Angaben, kommentiert der Konzern, Burda sei „ein kerngesundes Unternehmen mit starker Liquidität und Finanzkraft“.
Was aber soll mit der teuren Neuerwerbung New Work passieren? Zum geplanten Verkauf der dort angesiedelten Plattform Kununu (Bewertungen von Arbeitgebern) ist es nicht gekommen, vor allem nicht für avisierte 500 Millionen Euro. „Wir waren und sind in Gesprächen mit potenziellen Partnern“, erklärt Burda, man sehe weiterhin einen sehr hohen Firmenwert. Unklar auch, welchen Weg das kriselnde Jobportal Xing nimmt. 260 Stellen sind bei New Work bereits gestrichen, vor allem am Firmensitz in Hamburg. Ein Menetekel? Insgesamt hat Burda 9000 Beschäftigte.
Die bittere Erkenntnis: Ohne stattliche Erlöse aus Firmenverkäufen dürfte es aus Burdas Battlegrounds schwer werden. Offenbar um solche Verkaufsdeals zu erleichtern, hatte der seinerzeitige Verwaltungsratschef Olaf Koch im vorigen Jahr eine Zweiteilung des Konzerns in „Burda Media“ und „Burda Equity“ mit zwei CEOs durchgesetzt. Doch bei „Burda Equity“ (wo die Verkaufskandidaten sitzen) ist der Umsatz durch den Computerhändler Cyberport stark aufgebläht, es fehlt insgesamt an Ertragskraft. Am Ende scheiterte Koch nach zwölf Monaten auch an der Erwartung der Burda-Kinder, er möge als eine Art „Ober-CEO“ in München sehr präsent sein. So viel Zeit hatte Koch nicht, er hat sein eigenes Venture-Unternehmen namens Zintinus. Der Mann war, wie auch Medienchef Wachtel, von der Headhunterin Christina Virzi zu Burda gelotst worden.
Der Verwaltungsrat ist in dem Traditionshaus die eigentliche Schaltstation. Von den Beratern der Boston Consulting Group wurden dessen Mitglieder im Frühjahr 2025 mit einer Bestandsaufnahme und mit offenen Fragen zur digitalen Zeitenwende versorgt. Gerade für Jacob Burda ist dabei das Thema Künstliche Intelligenz sehr wichtig. Ein-Jahres-Helfer Koch habe „in einer Transitionsphase wichtige Impulse gesetzt und so zur Neuausrichtung unseres Unternehmens beigetragen“, lobt der Philosoph, der in Oxford darüber promovierte, dass die Figur der guten Unendlichkeit schon der Frühromantik zuzuordnen sei. Gegen die ungute Endlichkeit im eigenen Haus hatte ihm bisher noch das richtige Skript gefehlt.
Burda junior vertraut nunmehr stark auf Beteiligungsspezialist Marc Al-Hames, 47, den bisherigen Chef von „Burda Equity“. Der freundliche Ingenieur, intern sehr populär, wirkt nun wie der „heimliche CEO“. Ihm gehen zwar tiefere Verlagskenntnisse ab, aber es geht demnächst vermutlich ohnehin oft um gutes „Investmentbanking“ rund um die eigenen Techfirmen. Beim möglichen Versilbern von Aktivitäten bekäme Al-Hames starke Hilfe von den Neu-Vorständen Max Preisser (zuständig für „Equity-Beteiligungen“ wie New Work, Holiday-Check, nebenan.de oder auch Silkes Weinkeller) sowie von Christian Teichmann. Der Chef von Burda Principal Investments (BPI), wo Beteiligungen an jungen Firmen wie Vinted oder Revibe liegen, leitet das neue Vorstandsressort „Venture & Networks“.
Auf dem Programm stehen unter anderem die Weiterentwicklung des 21 Jahre alten Konferenznetzwerks DLD („Digital-Lifestyle-Design“) sowie die Entwicklung neuer, vielversprechender Geschäftsfelder. So baut man mit der TU München einen Inkubator für Start-ups auf, die sich mit dem Thema Gaming beschäftigen. Und die neue Initiative BurdaGP will dafür in ganz Europa ein starkes Ökosystem schaffen, München sei ein wachsender Hotspot für Gaming und Künstliche Intelligenz. Damit festige Burda seine Rolle „als Gestalter digitaler Unterhaltung und als Treiber neuer, interaktiver Medienerlebnisse“, heißt es in einer Präsentation.
Ist dies das „neue Burda“?
Das erst im Frühjahr 2025 eingeführte Organisationsmodell mit zwei Konzernhälften und zwei CEOs könnte im Zuge des fortgeschrittenen Dahin-Übens de facto bald ausgedient haben. Das bestreitet das Unternehmen: Media und Equity blieben die beiden organisatorische Säulen der Firmengruppe, fortan seien aber „aktiver denn je“ sinnvolle Felder für Zusammenarbeit zu nutzen. Von „Synergien“ ist die Rede. Der fürs Operative zuständige Gesamtvorstand entwickele mit dem Verwaltungsrat eine „gemeinsame, verzahnte Strategie“.
Dafür wird es auch Zeit. Alle warten nach drei Jahren Konfusion auf klare Führung. Burda habe sich in letzter Zeit „eindeutig zu viel mit sich selbst beschäftigt“, urteilt eine Führungskraft.
Was also wird aus dem Lebenswerk des verdienten Patrons Hubert Burda, der 25,1 Prozent der Anteile hält? Das Verlagsgeschäft hatte so einer wie er noch von der Pike auf lernen müssen: als Manager bei „Bild+Funk“, als Gründer eines Männermagazins („M“), als Chefredakteur von „Bunte“. So gerüstet, übernahm er nach dem Tod von „Senator“ Burda im Alter von 47 Jahren das Verlagsgeschäft. Seine Kinder, die jeweils 37,5 Prozent der Geschäftsanteile halten, können auf solche praktischen Erfahrungen in der Firma nicht verweisen.
Sie haben sich anders ausprobiert. Sie haben einen Kalt-Start hinter sich. Sie lernen Unternehmer „on the job“. Aber zu lange darf das alles nicht dauern.
Anders als angekündigt sitzt Senior Burda nach wie vor mit Jacob und Elisabeth im Verwaltungsrat. Auch kontrolliert der promovierte Kunsthistoriker alle Stimmrechte und bleibt persönlich haftender Gesellschafter. Er rede viel mit seinen Kindern, sagen Eingeweihte, aber in konkreten Fragen ist er nicht mehr sehr aktiv. Der Blick fällt immer wieder mal auch zurück, wozu das ausstehende Buch einer Kommission angesehener Historiker zur Geschichte Burdas im 20. Jahrhundert bald Material liefern wird. Die Rolle des alten „Senators“ Franz Burda im Nazi-Reich dürfte eine Rolle spielen.
Was die Zukunft angeht, hat Hubert Burda die Größe der Aufgabe bereits selbst lar umrissen: „Das wirklich Einzigartige an einem Familienunternehmen ist, dass es einem nie allein gehört, sondern man verantwortet es für die nächste Generation.“
Und die muss dann daraus etwas machen.

