Wenn sich Politiker zur Raumfahrt äußern, nennen sie oft die Filme von „Star Trek“ und „Star Wars“, die sie einst sahen. Wie ist das bei Dir?
Fasziniert hat mich immer die Naturwissenschaft hinter Raumfahrten: Das Phänomen der Schwerelosigkeit und die Fähigkeit, Gravitationsdynamiken unterschiedlicher Himmelskörper so genau auszurechnen, dass eine „Apollo“ zum Mond fliegen konnte. Dass Jupiter-Monde erkundet wurden und das Sonnensystem verlassen wurde. Dass Schwerelosigkeit und Freier Fall laut Einstein ein- und dasselbe sind – ein Schein-Paradoxon, dass sich in meinem Kopf festgebissen hat. Schwungholen im Vorbeiflug um Planeten, Landen auf Meteoriten, Formeln so genau formuliert, dass wir sicher durchs All segeln können – überwältigend. Es gibt so etwas wie Raumzeit, und die ist gekrümmt. Wir gleiten auf einer ausgebeulten Oberfläche durchs All – was für ein Geniestreich Albert Einsteins! An Satelliten und Planeten sehen wir das live – umwerfend. Als Neil Armstrong 1969 den Mond betrat, war ich fünf Jahre alt und durfte abends im Fernsehen bei einem technischen Wunder zuschauen. In modernen Raketen werden immer noch Triebwerke der „Apollo“- und „Space Shuttle“-Generation eingebaut, so gut sind sie.
Von „New Frontiers“, von „neuen Grenzen“ sprach Anfang der 1960er-Jahre der US-Präsident John F. Kennedy. Brauchen wir heute wieder einen solchen Aufbruch ins All?
Kennedys Mission richtete sich gegen die Sowjetrussen, die 1957 mit „Sputnik 1“ den ersten künstlichen Erdsatelliten kreisen ließen. Die Amerikaner lagen zurück. Es galt, Kräfte durch ein starkes Narrativ zu wecken. Kennedys Mond-Narrativ war eines der stärksten, sicherlich eines der heilsamsten Narrative des 20. Jahrhunderts. Der Mond war ein großes Symbol. Damit verbunden wurde Technologie produziert, die für viele Jahrzehnte die Überlegenheit der USA begründete. Wir können heute davon lernen, dass es viel bringt, eine Vision mit klarem Fokus zu haben, wohin Technologie und Wirtschaft eines Landes steuern. Ohne den Weltraum werden Geschäftsmodelle der Zukunft nicht mehr machbar sein.
Was heißt das konkret?
Der Weltraum ist so wie das Internet. Daten und Anwendungen sickern in alle Branchen ein, oft merkt man das gar nicht. Die Kommunikation übers globale Navigationssatellitensystem GPS ist das bekannteste Beispiel. Mit der neuen Handy-Generation wird die Kommunikation zwischen terrestrischem Netz und Weltraumnetz vereint. Heute scheint uns Zivilisation ohne Strom, elektrisches Licht, Internet undenkbar. In diesen Kanon reiht sich nun der Weltraum ein. Wenn wir uns das noch nicht so richtig vorstellen können: Meiner Urgroßmutter ging es mit dem Strom damals genauso. Sie kochte noch auf Holz.
Schon heute kommen wichtige Informationen für die Wissenschaft aus dem All, etwa Strömungsmessdaten für Klimaforschung.
Eine neue Mission der Europäischen Raumfahrtagentur ESA vermisst per Radar die komplette Land-Vegetation der Welt. Damit kann man ausrechnen, wieviel CO2 in den Bäumen gespeichert ist. Ein Unternehmen, in das unser Fonds Seraphim Space investiert, beobachtet von oben über Satelliten die Trockenheit auf der Erde und sieht kleinteilig für jede Landparzelle, wie trocken sie ist – so kann man das Brandrisiko in Kalifornien feststellen und spezielle Feuerversicherungen anbieten.
Ist es die fast grenzenlose Vermehrung des Wissens, die Dich beim Thema Weltraum begeistert?
Etwa alle 20 Jahre entsteht eine neue Plattform-Technologie. In einem Berufsleben erlebt man das also vielleicht zweimal mit. Nicht oft also. Zuletzt hat das iPhone von 2007 an die Ökonomie der Apps ermöglicht und damit Geschäftsmodelle wie AirBnb oder Booking.com. Nun ist der Orbit die neue Plattform – mit all den Satelliten, die uns umkreisen, beobachten und Kommunikation ermöglichen. Da entsteht eine Art Großhirnrinde um die Erde herum; eine Schicht aus Satelliten mit immer mehr Schaltknoten, Computingpower und Rechenzentren. Gewölbt wie eine Großhirnrinde; und ebenso spezialisiert auf Kommunikation und Kognition, also Erkenntnis.
Was bedeutet diese „Großhirnrinde“ mit derzeit rund 15.000 Satelliten für die Geopolitik, etwa das Machtspiel zwischen den USA und der Volksrepublik China?
Eigentumsfragen sind Machtfragen, wer weiß das besser als Du. China ist sehr aggressiv unterwegs. Dein Buch „Wem gehört die Welt?“ müsste heute ein großes Kapitel enthalten: „Wem gehört der Weltraum?“ Mehr als 50 Prozent der Satelliten gehören einem einzigen Mann, Elon Musk und seiner Firma SpaceX. Er hat seinerzeit die Division Starlink vor allem gegründet, damit seine Falcon-9-Raketen genügend Cargo-Lasten, also Satelliten, hatten. Doch diesem Zweck ist Starlink längst entwachsen. Jetzt besitzt Musk das wichtigste Kommunikationsnetz der Welt. Mit seinen Daten kann er Kriege beeinflussen oder sie an Meistbietende verkaufen. Alles komplett unzuverlässig, weil monopolistisch beherrscht!
Also braucht es eine gute Alternative.
Solche Situationen kennen wir bereits. Bei militärischen Konflikten wird zum Beispiel das GPS-Signal – es steht unter Kontrolle des US-Militärs – absichtlich verfälscht. Deshalb haben die Europäer mit den Galileo-Satelliten ein technisch überlegenes System gebaut. Und mit Iris2 entwickeln sie bald einen Konkurrenten zu Starlink. Im Weltraum müssen monopolistische Modelle verhindert werden. Platz genug für Wettbewerb ist da. Nutzen wir ihn.
Staaten und Firmen wollen den Mond, später den Mars, nutzbar machen. Wohin führt uns die „Mond-Ökonomie“?
Der Mond wird besiedelt, industrialisiert und zivilisiert. Mit Tourismus, Bergwerken, eigenen Rechenzentren, Robotern. Größter Vorteil dabei ist: Er besitzt nur ein 81tel der Masse der Erde. Daraus ergibt sich ein Sechstel der Schwerkraft, mithin der Anziehungskraft der Erde. Deswegen hüpfen Astronauten auf dem so drollig. Mit einer Tonne Treibstoff kann man das Sechsfache an Cargo transportieren. Der Mond ist daher für jede Form von Mars-Besiedelung ein notwendiger Halte-Stopp. Es ist wichtig, auf dem Mond selbst zu produzieren und Wasser zu gewinnen. Denn alles, was man dort gewinnt, muss man nicht mit dem sechsfachen Startgewicht von der Erde zum Mond hochschießen. In Kratern auf dem Mond liegt viel Eis, besonders in sehr tiefen Kratern am Südpol. Man kann das Eis schmelzen, wahrscheinlich mit der Energie kleiner Atomkraftwerke. Aus dem Wasser lassen sich dann Sauerstoff und Wasserstoff gewinnen; zum Trinken, Wässern und Betanken der Raketen.
Und die Reise zum Mars?
Sie ist technisch noch in weiter Ferne und dauert im günstigsten Fall neun Monate. Das Narrativ entwickelt aber viel Kraft, vor allem bei Elon Musk. Er will noch in seiner Lebenszeit zum Mars: „Ich will auf dem Mars sterben, aber nicht beim Aufschlag“. Sein eigentliches Argument lautet, dass die Menschheit mit ihrer Intelligenz über den Planeten Erde hinauswachsen sollte. Denn irgendwann wird hier ein Meteorit einschlagen oder es herrschen lebensfeindliche Bedingungen. Musk redet von einer ethischen Pflicht zur interstellaren Expansion: Wenn man weit und breit das einzig intelligente Wesen ist – Ergebnis von Jahrmilliarden Evolution –, dann muss man diese Intelligenz vor Auslöschung in Sicherheit bringen. Weil auf der Erde eines Tages ein Riesenmeteorit einschlagen und uns so auslöschen wird wie einst die Dinosaurier, oder wir selbst einen Atomkrieg anzetteln, müssen wir beizeiten neue Lebensräume erschließen, sonst versündigen wir uns an der Evolution, so Musk. Man muss diese Meinung nicht teilen; aber eine gewisse Stringenz hat sie.
Gibt es in der Raumfahrt einen „Tesla“-Moment?
Was soll das sein? Tesla steht für so vieles. In der Satellitenindustrie gibt es einen Henry-Ford-Moment. Bislang werden Satelliten einzeln im Manufaktur-Betrieb hergestellt, bald werden sie am Fließband produziert – so wie es Ford einst mit seinen Autos gemacht hat.
An vielen Stellen sind Space-Start-ups entstanden. Wie hoch ist das wirtschaftliche Potenzial für Deutschland?
Hier entsteht ein Riesenmarkt. Nach ernst zu nehmenden Studien erreicht die Weltraumwirtschaft bis 2025 etwa 1,8 Billionen Dollar Jahresumsatz, also 1.800 Milliarden Dollar. Rund 100.000 neue Satelliten werden in den kommenden 10 Jahren starten, bei gleichzeitigem Preisverfall von Starts und Satelliten um den Faktor 10 bis 100. Wie groß der deutsche Anteil sein wird, hängt von unserem Verhalten ab. Es kann eine der größten Wachstumbranchen hierzulande sein – auch für viele Unternehmen, die heute in der Automobilbranche tätig sind. Neue Industrien entstehen, etwa für „Mikrolauncher“, kleine Raketen, oder für vollautomatisierte Biotech- oder Industriekristall-Weltraumfabriken. Die deutsche Regierung will künftig mehr Geld für Raumfahrt geben – das ist löblich, reicht aber nicht im Vergleich zu dem, was Chinesen, Inder und Amerikaner ausgeben. Staaten reißen sich um den Weltraum. Im Jahr 2024 sprangen die Staatsausgaben für Weltraum auf 135 Milliarden Dollar, ein Plus von 10 Prozent gegenüber dem Vorjahr und ein neues Rekordniveau. Private Investoren treten ebenfalls auf den Plan, da Weltraumfirmen heutzutage sehr profitabel sein können. Es fließt sehr viel Venture Capital in Space-Projekte. Rund 26 Milliarden Dollar privater Investitionen sind im Jahr 2024 in den Sektor geflossen – ein Drittel mehr als im Vorjahr.
Aktuell reüssieren militärische Start-ups mit ihren automatisch gelenkten Drohnen. Die erst vier Jahre alte Firma Helsing ist mit zwölf Milliarden Euro Bewertung das wertvollste Start-up des Landes. Ist es ein Drohnenrausch?
Ja, bedingt durch den Krieg in der Ukraine, der mit Drohnen geführt wird. Europa und Deutschland sind da im Augenblick sehr stark, wir haben ein Momentum. Jetzt gilt es, das Momentum zu benutzen. Wir Deutschen neigen ja dazu, brillante Neuerungen zu erschaffen, dann aber deren Industrialisierung – also den Massenmarkt – anderen zu überlassen. Dieses Mal sollten wir es anders machen. Ziel sollte es sein, unsere Weltraumindustrie richtig groß zu machen. Dafür braucht man Geld. Wir besitzen dieses Geld, doch ohne einheitlichen europäischen Kapitalmarkt schlummert es weiter schlecht verzinst auf Festgeldkonten und in Lebensversicherungen. Das heute mobilisierte Geld reicht für Anfangserfolge wie bei Helsing aus, aber nicht darüber hinaus.
Wie sind Raumfahrttechnologie und Automobilindustrie miteinander verbunden?
Eng, und zwar in beide Richtungen. Auto geht nicht mehr ohne Raumfahrt, schon allein wegen der Navigation. Um autonomes Fahren zu ermöglichen, ist so viel Rechenkapazität nötig, dass es sich nicht lohnt, alles im einzelnen Auto zu rechnen und überall superteure, KI-taugliche Chip-Sets einzubauen. Diese Aufgaben werden an tieffliegende Satelliten ausgelagert. Umgekehrt braucht der Satellitenbau viele Fähigkeiten der Autoindustrie. Die Mikrolauncher sind aus Blech gebaut, dem gleichen Material, aus dem Autos entstehen. Auch deshalb sitzen Isar Aerospace und Rocket Factory Augsburg in Bayern, in der Nähe von Autofabriken. Da findet man die Fachleute.
Wie wird das Auto künftig wahrgenommen? In welche Richtung entwickelt sich individuelle Mobilität?
Das Eigentum am Auto könnte zum Nischenmarkt werden. Modelle wie Car-Sharing oder Pay-per-Use setzen sich durch. Der große Game-Changer werden autonome Autos sein. Robotaxis laufen seit einiger Zeit bei einem Test der Google-Tochter Waymo in Phoenix, Arizona, erstaunlich gut. Auch China meldet Erfolgsbeispiele.
Und wie wird das Auto der Zukunft aussehen? Welche neuen Funktionen hat es?
Die ersten Autos sahen Ende des 19. Jahrhunderts aus wie Kutschen. Warum? Weil Kutschenbauer einfach Pferde durch Verbrenner ersetzten. Ein logischer Schritt. So machen wir es gegenwärtig auch mit autonom fahrenden Autos: Wir klappen einfach das Lenkrad weg. Das ist aber widersinnig. Wenn ich die Hände frei habe und die Augen nicht auf die Straße schauen müssen, kann ich das Fahrzeug in einen mobilen Schlafwagen, ein mobiles Büro, ein mobiles Fitnessstudio verwandeln. Für unterschiedliche Anwendungen wird es unterschiedliche Autos geben. Aus Lenkgeräten werden Fahrgeräte.
Das klingt noch sehr nach Zukunft. Wo wird der größte Teil der Wertschöpfung entstehen?
In der Software und der Konnektivität. Künftig wird man wohl mit dem Kauf eines Autos eine monatliche Gebühr für bestimmte elektronische Leistungen zahlen: Die kann die Abonnements für Netflix, Amazon oder Spotify beinhalten, für schnelles Internet oder die Kosten fürs autonome Fahren. Am besten stellen wir uns das Auto der Zukunft wie eine Art App Store vor. Den benutzt man, muss ihn aber nicht besitzen.
Der Politiker Winfried Kretschmann glaubte 2015: „Die deutschen Autofirmen werden die Wertschöpfungsprozesse rund um das Automobil weiter dominieren.“ Wie soll das in Zeiten der Elektromobilität gegen Tesla und chinesische Autobauer gelingen?
Zunächst einmal ist vieles nicht passiert: Apple zum Beispiel kam nicht mit einem eigenen Auto. Und der Versuch, mit dem Kartendienst „Here“ den Techkonzernen Konkurrenz zu machen, blieb hinter den Erwartungen zurück, alle Autokonzerne mussten Apple oder Google integrieren. Das war, anders als auch von mir vorhergesagt, nicht der Todesstoß für die deutsche Autoindustrie. Man integriert halt nicht seinen BMW ins Apple-Handy, sondern das Apple-Handy in den BMW. Darüber können wir uns freuen. Ein Erfolg. Darauf lässt sich aufbauen.
Aber wird nun China mit dem Marktführer Build Your Dreams (BYD) die entscheidenden Zeichen setzen?
Im Moment haben chinesische Autobauer durch die US-Zollpolitik Überkapazitäten, die nach Europa drängen. Der Preis erodiert. Doch einen deutschen Hersteller werden sie nur an die Wand drängen, wenn der sich nicht zum Batterie-Unternehmen weiterentwickelt. Klar, das ist schwer, aber es geht. Deutsche Autohersteller sind Überlebenskünstler. Viele verstehen inzwischen, dass BYD ein Batterieunternehmen ist und drumherum ein Auto gebaut hat. So ungewohnt ist das für unsere Ohren auch nicht. BMW heißt Bayerische Motoren-Werke und hat ursprünglich Flugmotoren gefertigt. Beide kommen vom Antriebsstrang. Das Wichtige ist heute, die Batteriechemie zu verstehen und den nächsten Schritt zu wagen: Batterien mit anderen Trägerstoffen als Lithium. Elektroautos brauchen einen weiteren Anwendungsbereich, und das ist Batteriepufferung für die Stromspeicherung. Die Energie-Netzwerke und das System Auto werden schon bald miteinander verschmelzen.
Was macht alle so sicher, dass selbstfahrende Autos die Zukunft sind? Kann dieser Trend nicht auch wieder kippen?
Ich weiß, viele Deutsche haben Bedenken gegen Neuerungen….
… und sind verständlicherweise misstrauisch, wenn sie hören, dass der Autopilot bei Tesla schwere Unfälle verursacht hat. Jüngst wurde der Konzern zu 243 Millionen Dollar Schadenersatz verurteilt.
Ich selbst bin begeisterter Tesla-Fahrer, würde aber niemals dem Tesla-Autopiloten vertrauen. Teslas Assistenzsysteme sind schlampig programmiert und erkennen wichtige Dinge nicht. In meinem Tesla gibt es nur optische Kameras und ein bisschen Radar für die Abstandswarner. Lidar-Sensoren gibt es nicht; sie könnten mithilfe von Lasern Hindernisse anzeigen. Musk fand, Tesla braucht nur optische Augen, weil ja auch der Mensch nur optische Augen besitzt. Leichtsinnig ist das. Wenn autonomes Fahren kommt, würde ich BMW oder Mercedes viel mehr vertrauen. Ich persönlich glaube im Übrigen, dass wir ein Verbot menschlichen Fahrens erleben werden…
…Moment! Der Griff zum Lenkrad soll nicht mehr erlaubt sein?
Vielleicht noch in speziell ausgewiesenen Freizeitparks… Tatsächlich ist menschliches Fahren gefährlich. Wir sind abgelenkt, müde, verspielt. Im vorigen Jahr gab es wieder 2.770 Verkehrstote und 363.000 Verletzte, davon 50.300 Schwerverletzte. 2,5 Millionen Unfälle, 289.000 davon mit Personenbeteiligung. Welches andere Unglück sorgt für solche Zahlen? Sobald es Alternativen gibt, verbietet es schon die Ethik, uns allein ans Steuer zu lassen.
Und welcher Politiker würde es wagen, ein „Lenkradverbot“ ins Spiel zu bringen?
Ja, der politische Preis ist viel zu hoch. Interessant ist aber, wie die Automobilindustrie den kommunikativen Weg der Assistenzsysteme wählt. Diese Systeme werden immer mächtiger und greifen ständig ein. Die Summe dieser Hilfen führt am Ende zur schleichenden, sehr zu begrüßenden Entmündigung des Autofahrers – ohne dass er dies als solches wahrnimmt. Anders ausgedrückt: Die direkte Koppelung zwischen Lenkrad und Lenkstange wird aufgehoben. Sie ist es ja heute schon. Jedes Kreuzen des Mittelsteifens ohne Blinken löst Großalarm aus. Der Automat greift heute schon so beherzt in den Lenker wie damals mein Fahrlehrer. Das nimmt in Zukunft weiter zu. Verkauft wird die Illusion des selbstbestimmten Lenkens. Und wir werden das toll finden. Wir fahren eine Art Authenzität-Simulator durch die echte Landschaft. WhatsApp-Tippen nach Herzenslust ist erlaubt, niemand wird verletzt. Es stellt sich heraus: In Wahrheit wollten wir nie durchgehend lenken, sondern nur da, wo es Spaß macht.
Christoph, Du warst 1980/81 als Austauschschüler in San Francisco und hast 2013 ein halbes Jahr im Auftrag deines Arbeitgebers Axel Springer im Silicon Valley verbracht. Beim Abschied hattest Du das Gefühl, „aus der Mitte der Welt abzureisen, diesmal im Goldenen Zeitalter des Netzes“. Stimmt die Analyse noch?
Ja. Wir haben eine Rohstoffabhängigkeit von China und eine politische Abhängigkeit von den USA. In der Schweiz ist das Bundesinlandsprodukt pro Kopf rund doppelt so hoch wie in Deutschland – bei gleicher Verteilungsgerechtigkeit. Die Gefahr ist, dass wir uns aus der Produzentenrolle in die Konsumentenrolle verabschieden. Wir brauchen ein Mindset, wo Neues positiv gesehen wird. Ich glaube, da kommen wir auch hin – hoffentlich rechtzeitig.
Industrie und Politiker sind über die Jahre in Kolonnenstärke nach Silicon Valley gepilgert. Was hat das gebracht?
Sie haben viel gelernt: neue Arbeitsformen, Beteiligungsformen, die Bedeutung von Venture Capital, das Start-up-Denken, das „rapide prototyping“. Es ist viel mehr hier in Deutschland eingezogen als ich damals gedacht hatte. Beeindruckend! Unsere Innovationskraft ist super. Wir haben starke Universitäten und Forschungsinstitute, es gibt dort viele Ausgründungen.
„Silicon Valley“ ist auch zur Chiffre für die Übermacht einiger weniger Tech-Großfürsten geworden. Eine Dauergefahr für die Demokratie?
Als mein Silicon-Valley-Buch 2014 herauskam, wurden die dunklen, pessimistischen Passagen kritisiert. Leider ist es genauso gekommen. Es gibt dort die Grundeinstellung, dass alles wünschbar ist, was machbar ist. Die Zone rund um San Francisco ist ein politisch isolierter Raum. Das hat eine teilweise gefährliche Arroganz-Ideologie erzeugt: Jeder, der nicht denkt wie wir, ist falsch und muss bekehrt werden. Dieser Technologismus ist mit Irrtümern verbunden: Die Tech-Milliardäre, die Donald Trump finanzierten, dachten wirklich, sie könnten ihn kontrollieren.
Die digitale Revolution hat zuerst Güter wie Zeitungen, Zeitschriften, Film, Musik erwischt. Welche Branchen werden folgen?
Mobilität, Airlines, Hotels. Viele Prozesse und Produktionen. Mir fällt keine Branche ein, die nicht betroffen wäre. Und Künstliche Intelligenz (KI) wird die Digitalisierung noch mal revolutionieren.
Sind KI-Technologien eher unsere beste Hoffnung oder unser schlimmster Feind?
Im Buch „Nexus“ kommt Yuval Noah Harari zum Schluss, dass es sich bei KI nicht einfach um ein Werkzeug, sondern um einen selbständigen Agenten handele. Wenn das stimmt, stehen wir vor einem großen Umbruch. Bis jetzt sprechen wir von natürlichen und juristischen Personen. Jetzt aber kommt eine unlegitimierte dritte Person zu. Der Bot wird in keinem Grundbuch geführt und ist kaum reguliert. Er beruht auf neuronalen Netzen und einer Matrix.
Wann, glaubst du, überholt die Maschinenintelligenz eines Bots die menschliche Intelligenz?
Ich glaube, wir stehen kurz davor. ChatGPT hat auf fast alles eine gute Antwort…
… wenn die Systeme nicht flunkern, lügen und halluzinieren.
Ja, Fehler kommen bei neuen Systemen vor. Und kein System existiert ohne Missbrauch. Man muss immer mitdenken, was ein Verbrecher damit anfangen kann. Das macht aber das Küchenmesser nicht weniger scharf.
Bei Axel Springer hast Du fürs Leistungsschutzrecht gekämpft: Die Tech-Monopole sollten für journalistische Leistungen zahlen, die sie nutzen. Wie ist das bei der KI? Open AI, Meta oder Google haben Urheberrechte einfach missachtet und ihre KI-Systeme mit solchen Texten trainiert.
Die Gesetze sind wieder zehn Jahre hinter der Entwicklung zurück. Das Problem der Paraphrase ist weder im Leistungsschutzrecht noch in Urhebergesetzen berücksichtigt: Wenn jemand zehn Prozent eines Textes ändert, ist ein neues Werk entstanden. Und Paraphrase ist das, was KI macht, etwa wenn Velvet Sundown aus Millionen Titeln neue Musik herstellt. YouTube hat jetzt immerhin verfügt, dass KI-Titel hochgeladen, aber nicht monetarisiert werden dürfen.
Welche Wirkkraft haben in dieser von KI gekennzeichneten Welt eigentlich noch Medien?
Durch die Zersplitterung der Aufmerksamkeit sind sie noch wichtiger geworden. Eine Glühlampe strahlt die Energie in alle Richtungen ab, ein Laser bündelt sie auf einen Punkt. Und das machen Medien. Bei Social Media bündelt sich das von allein oder über Teams, die einzelne Personen populär machen.
Was heißt das für den Journalismus der klassischen Medien, der eine Gatekeeper-Funktion hatte?
Wenn man Journalismus definiert als Bekenntnis zur verantwortlichen Absenderschaft und zu einem Ethikkodex, dann muss man leider feststellen, dass sein Anteil am öffentlichen Diskurs immer kleiner geworden ist. Das stellt ein Problem für Demokratie und Gesellschaft dar. Die Content-Kreatoren bei Social Media nehmen erst gar nicht für sich in Anspruch, journalistisch zu arbeiten.
Du warst Vorstandsassistent, Firmensprecher, Chefredakteur mehrer Zeitungen, Cheflobbyist, Investor-Relations-Verantwortlicher, Chef einer Beratungsfirma und einer Community-Plattform. Eine erstaunliche Vielzahl von Aktivitäten. Was ist der rote Faden dabei?
Das Neue. Die Lust, meiner Neugier zu folgen. Und der Ehrgeiz, meine eigene Autonomie zu erhöhen, weniger abhängig zu sein. Jetzt bin ich autonomer als früher. Ein Investor kann ein freieres Leben führen.
Du gibst beim Check-in im Hotel jetzt „Investor“ an?
Nein, „Unternehmer“. Ich bin inzwischen an einer Reihe von Firmen beteiligt; mal als Investor, mal arbeite ich mit, zum Beispiel bei unserer Beratung bei Weltraumfragen. Früher habe ich „Journalist“ geschrieben.
Da warst du in Konzernen wie Bertelsmann oder Springer, nun hast Du das späte Glück sozusagen als „Ich-AG“ gefunden?
Der Begriff, von Peter Hartz erfunden, war ein Euphemismus für selbständige Tätigkeit. Als Einzelner ist man aber keine AG, keine Kapitalgesellschaft. Man ist ein Selbständiger oder Freiberufler. Das bin ich nicht. Ich bin über meine Holding an Kapitalgesellschaften beteiligt, die ihrerseits Mitarbeiter beschäftigen. Aber, was soll’s: Bin ich halt eine Ich-AG. Fast ein Vierteljahrhundert nach der Agenda 2010 können wir dem Wort ja mal eine neue Bedeutung geben.

