Meine gesammelten Werke: Wie ich die Lage gesehen habe.

Stellenabbau bei RTL: Die Berg- und Talfahrt im wichtigsten Teil von Bertelsmann

Süddeutsche Zeitung, 03.12.2025

„Morbus Rabe“

Stellenabbau bei RTL: Die Berg- und Talfahrt im wichtigsten Teil von Bertelsmann

Süddeutsche Zeitung, 03.12.2025

Es gibt Dinge, von denen kann man sich nicht vorstellen, dass sie wirklich passiert sind. RTL zum Beispiel: Dass der Kölner Privatsender vor 30 Jahren Kunstausstellungen, den Videokünstler Nam June Paik oder ein Archiv zur „TV-Kultur“ finanzierte, gehört zu solchen Geschichten. Man glaubte damals an die Macht des Fernsehens und an die Kraft, mit Sponsoring ein gewisses Schmuddel-Image bekämpfen zu können – zumal RTL zu dieser Zeit betont auch auf seriöse Informationssendungen setzte.

Heute sind in der RTL-Familie mit angeschlossenen Stationen wie Vox, n-tv, Super-RTL und dem Streamingdienst RTL + rustikalere Fähigkeiten gefragt, Kunstfertigkeiten aus dem Handbuch der Sanierer, die sich selbst feiner „Restrukturierungsmanager“ nennen, zuweilen aber auch unbarmherzig von außen „Totengräber“ genannt werden.

In diese Kategorie, wie immer man sie bezeichnet, gehört zweifelslos Thomas Rabe, 60, der seit 15 Jahren den Gütersloher Medienkonzern Bertelsmann lenkt und seit einigen Jahren zusätzlich auch dessen langjährige Cashcow RTL Group, die freilich in dem Land, in dem mal Milch und Honig flossen, immer weniger liefert. Zu Sanierers Handbuch gehört, ein Unternehmen „besenrein“ zu übergeben, und so hat Manager Rabe, der als CEO der RTL Group definitiv im Mai 2026 aufhört, seine Exekutiv-Truppe am Senderstandort Köln bei RTL Deutschland mit Jobs der staubigeren Art betraut: 700 Vollzeitstellen insgesamt an allen Standorten weg, vielleicht noch 200 Teilzeitstellen, Firmen geschlossen, Umbauten beschlossen. Einmal im Spar-Modus hat man vorzeitig die Weihnachtsfeier gestrichen. Botschaft zum Fest: Ihnen leuchtet kein Licht.

Nun gibt es in der ganzen TV-Branche Probleme: Die Macht hat heute nicht mehr das Fernsehen, sondern das Internet. Zuschauer wandern zu US-Streamingriesen wie Netflix, Amazon Prime, Disney+ und vielleicht bald auch Paramount + ab, Werbekunden buchen längst nicht mehr (wenn überhaupt) zu den früheren Top-Preisen. Die Basis erodiert, aber manche Strukturen stammen – auch das ist wahr – noch aus der Zeit der „Golden Boys“ des Privatfernsehens.

Im Fall RTL kommen jede Menge hausgemachter Probleme hinzu. So hatte man am ostwestfälischen Bertelsmann-Hauptsitz vor drei Jahren beschlossen, den einst formidabel verdienenden Hamburger Großverlag Gruner + Jahr per Fusion dem Leitunternehmen RTL Television unterzumischen, was beiden schlecht bekommen ist. Viel Stress, wenig Lohn. Auch hier fielen, in einem ersten Schwung, 700 von 1900 Stellen weg. Dünne Ausgaben des „Stern“, der von „Geo“ und „Capital“ flankiert wird, erinnern notdürftigst an bessere Zeiten.

In Programmfragen setzt RTL inzwischen auf Streaming und auf RTL+ und die Neuerwerbung Sky Deutschland mit deren Knüller, vielen Spielen der Fußball-Bundesliga. Diese anstehende Transformation – die Kartellfreigabe fehlt noch – liefert die Folie für den neuerlichen Job-Abbau. Positiv bei RTL + sind heute schon qualitätsreiche Serien wie „Faking Hitler“ und „Euphoria“. Eine ganz andere Frage ist: Werden sie stark genug wahrgenommen? Und: Stimmt die Unternehmenskultur bei RTL überhaupt?

Von der einst im Jahr 2021 mit schönsten Parolen ausgerufenen „Info-Offensive“ jedenfalls ist nichts mehr zu spüren. Die Spätnachrichtensendung „RTL Direkt“ wurde eingestellt, nachdem man zuvor mit viel Bohei Jan Hofer und Pinar Atalay von der ARD geholt hatte. Das eigene Angebot besteht zusehends aus Reality-TV-Formaten, unter denen das erprobte Dschungel-Camp („Ich bin ein Star – holt mich heraus“) noch am ehesten Grimme-Preis verdächtig ist. Der Rest: Sex, Sonne, Sand in irgendwelchen „Big-Brother“-Derivaten wie „Temptation Island“. Wer küsst wen, wer reicht wem die Sonnencreme und: Spuckt der Aleks wirklich Frauen mit Champagner an? Niveau ist hier eine Frage der Tiefenbohrung.

Zum Geschäftsmodell wurde etwa auch „30 Jahre Familie Ritter“ (Vox), eine Dokumentation als „journalistische Langzeitbeobachtung“. Eine sozial randständige Neonazi-Familie aus Köthen in Sachsen-Anhalt klopft rechtsextreme Sprüche, frönt dem Alkohol, übt Gewalt aus und zeigt schon mal den Hitler-Gruß. Alles gesendet, alles irgendwie normal, alles kaum kritisch eingeordnet. Formularbeginn

Von Altersdiskriminierung kann in der RTL-Familie nicht die Rede sein, schließlich gehört der gelegentlich sinnfrei tremolierende Dieter Bohlen, 71, ebenso zur Starriege wie der wiederaufbereitete Ex-Pro-Sieben-Matador Stefan Raab, 59, dessen Witze inzwischen allerdings so schal sind wie die Quote schwach. In einem solchen Umfeld gewinnt schon die traurige Frage an Bedeutung, wie sich der krebskranke Thomas Gottschalk am kommenden Samstag in der RTL-Show „Denn sie wissen nicht, was passiert“ bei seiner Abschiedsvorstellung schlägt.

Wenn die Grenzen nach unten aus kommerziellen Gründen offen sind, entwickelt sich leicht eine gesteigerte Lust an Provokation, die zur Proll-Kultur wird. So sonderte Inga Leschek im „Spiegel“-Interview allen Ernstes ab, dass fürs RTL-Programm gelte: „Wir scheißen uns nichts“ (wie sie als Österreicherin sagen würde). Als Inhaltschefin von RTL-Deutschland („Chief Content Officer“) muss sie es wissen. Groß im Bild mit Sneakers, Jeans und Sportblouson schwärmte sie dann noch, fast wie Donald Trump, vom Kampfsport Mixed Martial Arts bei RTL +: „Als Leisetreter wirst du im Fernsehen nichts“.

In der neuen Lauttreterei macht sich breit, was in RTL-Kreisen intern mitunter „Morbus Rabe“ heißt, benannt nach dem zahlensicheren Konzernchef, der in der Jugend sogar mal Punk-Musiker war. Zum „Business-Punk“ nun gehören kräftige Kosteneinsparungen, Stellenabbau, Tabu-Verletzungen als Prinzip, permanenter Quoten-Kitzel, eine frappierende Geduldlosigkeit und ewiges Optimieren im „Audience Flow“. Bösmeinende erinnern sich an einen US-Filmklassiker, der so ähnlich heißt wie die Show zu Gottschalks TV-Abschied: „Denn sie wissen nicht, was sie tun.“

Die Verhältnisse bei RTL Deutschland passen sogar nicht zu den ethischen Prinzipien, die der 2009 verstorbene Bertelsmann-Konzernarchitekt Reinhard Mohn immer gepredigt hat: „Menschlichkeit gewinnt“ oder das Wohl der Sozialpartnerschaft beispielsweise.

Reinhard Mohns Menschlichkeit bedeutet nun, dass der Sozialplan bis zu 50.000 Euro Bonus vorsieht. Sein Enkel Thomas Coesfeld, 35, wird spätestens Anfang 2027 die Konzernführung übernehmen. Noch-CEO Thomas Rabe muss seit Verkündigung der Personalie mit dem Verdacht leben, er sei eine „lame duck“, eine lahme Ente, da es ja sowieso bald auf einen ganz anderen ankomme. Der „Besenrein“-Aktivismus in Köln beweist allen Zweiflern gegenüber Handlungsfähigkeit auch auf den letzten Metern einer steilen Konzernkarriere. Solche Schmutzarbeiten gelten auch bei den Gesellschaftern als leider notwendig, viele bei RTL lassen sie allerdings schaudern.

Achtung, Vulgäralarm:  Sie „scheißen“ sich wirklich nichts.