Meine gesammelten Werke: Wie ich die Lage gesehen habe.

Die unheimlichen Geschäfte der italienischen Holding Bending Spoons und ihrer Finanziers

Turi.One, 21.12.2025

Krötenwanderung: Wie Investoren die App Komoot auscashen

Die unheimlichen Geschäfte der italienischen Holding Bending Spoons und ihrer Finanziers

Turi.One, 21.12.2025

Für Raubzüge moderner Art, im Branchenjargon Mergers & Acquisitions (M&A) genannt, ist Mailand ein besonderes Pflaster. Von hier aus organisierte die Großbank Unicredit ihre Eroberungen, aktuelles „Target“: die Commerzbank. Die in der lombardischen Metropole ansässige Berlusconi-Familie wiederum holte sich vor einigen Wochen den Fernsehkonzern Pro Sieben Sat 1 aus München ins Portfolio.

Und dann ist da noch eine Combo smarter italienischer Jung-Manager, die derzeit mit viel internationalem Kapital wie im Goldrausch eine Internetfirma nach der anderen aufkaufen, zuletzt unter anderem für einen jeweiligen guten Milliardenbetrag die Videoplattform Vimeo und den einstigen Online-Goliath AOL. Somit ist die norditalienische Gruppierung auf dem besten Weg, eine Beteiligungsfirma nach Art des amerikanisch geprägten Finanzkapitalismus zu konstruieren. Schon jetzt ist sie in den Büchern der Investoren mehr als zehn Milliarden Euro wert: Bending Spoons heißt das jüngste Fabelwesen des globalen Börsengeschehens und der Tech-Industrie.

Eines der Opfer: die deutsche Wander- und Rad-App Komoot. Die war mal kommod, also angenehm und entspannt, als Wegweiser und Logbuch für Touren in der Natur zu nutzen. 28,7 Kilometer von Port de Sóller nach Deià mit 900 Höhenmeter am 3. Februar 2023 – welcher Wanderer erinnert sich nicht gern an solche Highlights?

Doch das ist vorbei, seit der Plattform-Kapitalismus die beliebte Bewegungs-App verschluckt und, zu einem Social-Media-Brei zerkaut, wieder ausgespuckt hat. Update hier, Sonderangebot da, 4,99 pro Woche, 59 pro Jahr. Chakka, du bist der Beste, „Du bist ein Peak-Chaser. Nur 4 % der Nutzer teilen sich diesen Titel.“ Online-Koberei vom Schlimmsten.

Die App hat nicht zufällig diesen Weg eingeschlagen, der Pfad zum Renditegipfel ist klar markiert und folgt einem bewährten Schema, bekannt von Linked-in oder Instagram: Den Inhalt liefern kostenlos die User („Sabine war wandern“, „Ronny war biken“), Anzeigen spendieren die Region Seefeld und die Spessart Tourismus. Und kostenlos ist gefühlt nix mehr. Kleinen Reibach machen die Gründer, großen die Investoren. Die Zeche zahlen die Nutzer und Mitarbeiter.

Die Zentrale der Hyper-Kapitalisierung sitzt in der Lombardei. Die Macher hinter dem Rendite-Wunder nach Plan lachen sich schon jetzt ins Fäustchen. Denn Bending Spoons, das jüngste Fabelwesen des globalen Finanzkapitalismus, ist in den Büchern der Investoren bereits mehr als zehn Milliarden Euro wert.

Ganz neue Dimensionen also. Mindestens.

Die durch und durch ambitionierte Neuschöpfung aus Mailand, deren rätselhafter Name eher an Löffelverbieger Uri Geller erinnert als so radikale Marktgestaltung, ist hierzulande bekannt geworden, als sie Ende März 2025 die 15 Jahre alte Potsdamer Wander- und Biking-App Komoot kaufte – eine jener Uni-Ausgründungen, auf die man in Deutschland stolz ist und die man anfangs gerne, in Hoffnung auf neue Wertschöpfung im Land, ordentlich mit öffentlichem Geld gefördert hatte.

Aber so ist nun mal das Gesetz der Plattformen der Neuzeit: Skalieren, skalieren, skalieren, lautet das Motto. Solange, bis ein Monopol oder zumindest ein Quasimonopol entsteht. Da wollten die Investoren und sechs Gründer der Firma Komoot, die 2024 nach langer positiver Zeit Verlust gemacht haben soll, lieber das sichere Geld eines Exits nehmen – dessen Höhe in diesem Fall allem Anschein nach bei 300 Millionen Euro lag. Fürs Geschäftsjahr 2023 wies Komoot bei einem Erlösvolumen von 35 Millionen Euro einen Gewinn von rund 2,5 Millionen aus.

Nicht schlecht, aber für die angestrebte Weltdominanz, etwa in Konkurrenz zum expansiven US-Anbieter Strava, ist die Basis nach eigenem Gutdünken zu brüchig. Globalisierung ist jetzt Sache der Erwerber aus Mailand.

Rund 110 Mitarbeiter von Komoot, also drei Viertel der Belegschaft, wurden nach der Transaktion rasch entlassen – einen ähnlich rüden Stil hat Bending Spoons auch bei anderen Zukäufen praktiziert. Da wurden auch schon mal alle Mitarbeitenden gefeuert, es gilt das Prinzip „Ground Zero“: Man will freie Hand für ein neues Design, für Software-Updates oder für einen Strategiewechsel. „Potenzial heben“, heißt das beim verhaltensauffälligen Resteverwerter des World Wide Web.

Eine solche Firmenpolitik ist Sache der italienischen Gründer rund um Geschäftsführer Luca Ferrari, 40, der großflächig die PR-Arbeit übernommen hat. Das Quintett im Top-Management hat auf seinem Höhentrip dank des Teilverkaufs eigener Aktien selbst schon ein wenig Kasse gemacht, die Anstrengung muss sich schließlich lohnen. Ihre Firma ist mit Wall-Street-Geld und anderem internationalem Kapital regelrecht vollgepumpt. Es wirkt, als solle hier ein Zwitter jener börsennotierten New Yorker Holding InterActive Corp (IAC) entstehen, einer Beteiligungsgesellschaft, bei der die amerikanische TV-Legende Barry Diller als Gesellschafter den Ton angibt. Tatsächlich hat Bending Spoons von IAC schon eine Firma wie die Mosaic Group gekauft. Auf eine Anfrage reagierte der italienische Marktangreifer nicht.

Das alles ist echt finanzmärchenhaft für ein Unternehmen, das noch bis Herbst 2022 auf der Welt kaum jemand kannte. Hier halfen und helfen offenbar Beratungstipps der von Herbert Allen III geführten New Yorker Familien-Investmentfima Allen & Company – einer Institution, die einmal im Jahr in Sun Valley im US-Staat Idaho eine hochkarätige Medienkonferenz organisiert, bei der Schwergewichte wie Rupert Murdoch, Mark Zuckerberg, Jeff Bezos oder Sam Altman alle möglichen Geschäfte besprechen und Transaktionen einleiten.

Die Deal-Maschine läuft dementsprechend auch in Mailand heiß. Das Eigenkapital für die große Expansionstouren von Bending Spoons kam zum Beispiel vom schottischen Fondsanbieter Baillie Gifford, einem von Amazon überaus begeistertem Investor, aber etwa von US-Vermögensverwaltern wie T. Rowe Price und Fidelity, vom Familienmedienunternehmen Cox aus Atlanta oder von Mailänder Finanziers wie Renzo Rossi, dem Gründer und Besitzer der Jeansmarke Diesel. Prominente wie Andre Agassi, Ryan Reynolds oder Bradley Cooper sowie Tech-Größen wie Eric Schmidt und Xavier Niel haben ebenfalls ihr Herz für Ferrari & Co entdeckt. 710 Millionen Dollar kamen allein bei der letzten Finanzierungsrunde zusammen.

Entscheidend für die jüngeren Groß-Zukäufe waren schließlich Kredite renommierter Großbanken wie JP Morgan, BNP Paribas, Mitsubishi UFJ Financial Group, HSBC, Banco BPM, Crédit Agricole, Wells Fargo, Intesa Sanpaolo, Mizuho, Goldman Sachs und natürlich von Unicredit, dem Freund aus Mailand. Sie alle liehen insgesamt 2,8 Milliarden Euro. Es ist viel Geld im Markt, das Verwendung sucht. Hier hat sich erkennbar eine Champions League des Finanzgewerbes zusammengetan. Insgesamt hat Bending Spoons im abgelaufenen Jahr 2025 die stattliche Summe von vier Milliarden Euro eingesammelt – viel Material für ein Spiel des großen Geldes.

Laut Bloomberg liegt die Bewertung des norditalienischen Shootingstars – in Erwartung all der Dinge, die da noch kommen mögen – schon bei rund zwölf Milliarden Euro. So steigt der Komoot-Erwerber aktuell in den Kreis der von Investoren so geliebten „Decacorns“ auf, also jener Firmen, die mehr als zehn Milliarden wert sind. Vermutlicher Umsatz 2025: 1,23 Milliarden Euro.

Als nächstes Hauptziel zeichnet sich ein Börsengang ab. Dann würde Italien in der Galerie der starken europäischen Tech-Länder zu den führenden Startup-Nationen Frankreich und Deutschland aufschließen. Dann könnte man – mit eigenen Aktien als Währung – noch mehr spektakuläre Deals machen. So hat es schließlich InterActiveCorp aus New York auch gemacht – oder das in Berlin beheimatete Beteiligungsunternehmen Rocket Internet der Samwer-Brüder, das allerdings 2020 nach sechs Jahren und sehr einträglichen Geschäften (siehe Zalando) die Börse wieder verlassen hat. Bei Rocket Internet war auch Baillie Gifford – nun in Mailand sehr aktiv – maßgeblich beteiligt.

Nach solchem Muster soll sich offenbar auch das in Bending Spoons investierte Geld der Finanziers bald schon wieder auszahlen. Die Zentrale des neuen Hoffnungsträgers bleibt auf jeden Fall in Mailand – auch als Beweis, dass ein globales Top-Techunternehmen an einem nicht vermuteten Platz entstehen kann. Ein bisschen Silicon Valley in der Po-Ebene.

Dabei sind die Firmen im Besitz von Bending Spoons schon durchweg ein bisschen älter, die Unschuld von Startups haben sie längst hinter sich gelassen, ohne dass sie zu Schwergewichten im Markt wurden. Das simple Geschäftsmodell der Erwerber aus Mailand: bekannte, aber operativ leistungsschwache Technologiefirmen fit machen. Man erreiche mit all der aufgekauften Ware nach eigenen Angaben mehr als eine Milliarde Menschen und habe mehr als 300 Millionen monatlich aktive Nutzer. Hier läuft zweifelslos einer der derzeit heißesten Wette der Finanzbranche. Jeder der Bending-Spoons-Gründer ist auf dem Papier schon Milliardär geworden.

Man reibt sich verwundert die Augen, wie das alles geht. Wie Gründer Ferrari und seine Mitgesellschafter (ihnen gehören nach offiziellen Angaben noch die Hälfte der Anteile) zunächst 2013 in Kopenhagen ihr Startup Evertale versemmelt haben, dann doch 40.000 Euro Kapital retteten und 2015 flugs nach Mailand umzogen mit einer grundlegenden Erkenntnis: künftig würden sie lieber Apps hinzukaufen als sie selbst zu entwickeln. Zunächst gelang das mit Remini, einer App, die aus Selfies dank Künstlicher Intelligenz seriöse Bewerbungsfotos macht. Von 2022 an folgte innerhalb von nur drei Jahren eine neue globale Bedeutung für Bending Spoons, das unheimliche Phantom aus Mailand.

Besonders freigebig mit Detailinformationen ist die Firma nicht. Aber der Chef macht Sprüche. „Wir wollen eines der erfolgreichsten Unternehmen unserer Generation bauen, tief verwurzelt in Europa“, umreißt Luca Ferrari in der „Wirtschaftswoche“. Bending Spoons wolle auch weiterhin Firmen oder Technologien mit reichlich Verbesserungspotenzial kaufen – und im Falle eines gelungenen Deals auf jeden Fall mehr Geld machen als die Ex-Eigentümer. Nur von Computerspielfirmen lasse man die Finger.

Geschäftsmodelle wie zum Löffel-Verbiegen.

Man habe seit dem anfänglichen Flop mit Evertale nie mehr Verlust gemacht, betont Firmenchef Ferrari regelmäßig in Interviews, man wolle auch die erworbenen Beteiligungen – anders als Private-Equity-Firmen – niemals verkaufen. Man sei andererseits auch kein Venture-Capital-Betrieb, sondern vielmehr eine Tech-Holding. Für eine Laufbahn wie bei Bending Spoons brauche man viel Glück und müsse maximale Effizienz anstreben, mit den leistungsfähigsten Mitarbeitern. Alles so, wie ein Profiklub sein Basketballteam zusammenstelle, raunt Ferrari. Wenn er solche Hammersätze im Videocast rauslässt, laufen im Hintergrund schon mal seine schlanken Jagdhunde durchs Bild.

Die Liste seiner eigenen ökonomischen Jagd-Erfolge seit 2022 ist lang. Darauf befinden sich: die Videoaufzeichnungs-App Filmic, der Appentwickler Mosaic, die Social-Media-Plattorm Meetup, der Live-Streaming-Betreiber Hopin, die digitale Publishing-Plattform Issuu, der niederländische Dateiübertragungsdienst WeTransfer (war mit 780 Millionen Dollar bewertet), die Videoplattform Brightcove, Komoot, das Videoportal Vimeo, Oldie AOL sowie zuletzt die 2006 in San Francisco gegründete Ticket-Plattform Eventbrite (430 Millionen Euro in Cash waren fällig). Im ersten Halbjahr 2026 soll die in19 Ländern aktive Firma von der Börse genommen werden, KI soll hier weiterhelfen, wie so oft.

Das sind allein elf größere Deals. Als „Financial Advisor“ taucht auf Verkäuferseite immer wieder mal Allen & Company auf, beispielsweise bei Eventbrite, Vimio und AOL. Es sind schon viele gut eingeführte Marken der Online-Szene in dieser wachsenden Armada dabei. Aber nichts ist wirklich: der letzte Hit der Branche. Viel Arbeit also für die 1000 „Spooner“, wie die Mitarbeiter des mailändischen Überfliegers heißen. Die vielen Apps werden zentral gesteuert. Die Teams für die einzelnen Marken arbeiten weitgehend unabhängig, rund 20 Stunden wöchentlich verbringen die Führungskräfte in Managementmeetings. Extremes Kostensparen, neue Führungsteams und die eigene Software-Expertise sind die Instrumente bei den Verbesserungsarbeiten in den übernommenen Firmen.

Bei AOL müssen sich die Spezialisten nun um einen hoffnungslos anmutenden Fall kümmern. Das einstige Internet-Vorzeigeunternehmen, das 2001 nach dem De-facto-Ankauf von Time Warner für kurze Zeit zur Nummer eins der Medienwelt aufgestiegen war, ist seitdem unter wechselnden Eigentümern nach unten durchgereicht worden. Man offeriert noch einen Email-Dienst und ein Webportal. Und es wimmelt von „Karteileichen“: Mancher hat zwar noch eine AOL-Adresse, nutzt sie aber seit langem nicht. Der Einwahlinternetzugang wurde erst kürzlich – nach 30 Jahren – eingestellt. Verdammt lange her, dass Boris Becker in der AOL-Werbung aufschlug: „Bin ich schon drin, oder was?“

Das Personal der von Bending Spoons übernommenen deutschen App Komoot ist weitgehend draußen. Für sie ist das Startup-Abenteuer unglücklich ausgegangen. Von dem Deal wurden die Mitarbeitenden komplett überrascht. Nur der Vertrieb blieb dabei, er wird noch gebraucht. Die Italiener führten inzwischen ein paar neue Dinge ein, alles ist etwas schicker und nutzwertiger. Ein neuer Routenplaner für Outdoor-Aktivitäten soll kommen. Im Januar wird man auf der Stuttgarter Tourismusmesse CMT digitale Marketingkampagnen auszeichnen, mit Extremsportler Jonas Deichmann als Galionsfigur.

Die Investoren von Komoot hätten auf Exit gedrängt (und damit auf Rendite ihres eingesetzten Kapitals) heißt es aus dem Kreis der Gründer. Auf einem Gründerabend in Potsdam („Deutschland rebooten“) offenbarte Mitgründer Jonas Spengler: „Wir wussten, dass wir die Firma irgendwann verkaufen müssen. So funktioniert Startup-Finanzierung nun einmal.“  Ex-Geschäftsführer Markus Hallermann gab offiziell nach dem Verkauf kund, dass die Skalierung einer Firma „ein anderes Mindset und andere Fähigkeiten“ erfordere als der Aufbau einer Firma: „Das, was uns hierhergebracht hat, wird uns nicht auf das nächste Level bringen.“ Noch 2021 hatte der gleiche Markus Hallermann von Unabhängigkeit und einem „geilen Produkt“ geschwärmt, das man gerade nach Europa skaliere: „Ich hoffe, dass ich den Job mehr als zehn Jahre machen werde.“

So schnell kann‘s gehen. Mal sehen, wohin im Jahr 2031 das Phantom Komoot und seine Finanziers gewandert sein werden.