Filmfans bekamen 2008 mit, welch besonderer Stoff Graphit sein muss. Da erschien der Film „Up in the Air“, in dem ein agiler Unternehmensberater (George Clooney) für zehn Millionen Flugmeilen eine höchst exklusive „Graphitkarte“ erhielt. Das war eine typische Hollywood-Übertreibung, real gab es dieses Gimmick nicht.
In der wirklichen Welt ist synthetischer Graphit, hergestellt aus hochreinem Kohlenstoff, ein überaus robuster und leitungsfähiger Werkstoff. Er kommt in vielen Zukunftsprodukten zum Einsatz und weckt Fantasie. Davon will einer der Großanbieter in diesem Markt profitieren, die Mersen Group aus Paris: Der Umsatz soll von rund 1,3 Milliarden Euro (2026) um 400 Millionen bis 2029 ansteigen.
„Wir haben einen klaren Weg vor uns und wissen, besser als andere für Herausforderungen positioniert zu sein“, erklärt Salvador Lamas, 53, seit Mai als CEO fungierend, im Gespräch mit dem Handelsblatt. Der eigene „Footprint“ sei einzigartig, man habe viel investiert: „Unser Geschäft ist derzeit am oberen Ende der Erwartungen für 2026.“ Im Juli hatte der globale Experte für hochwertige Materialien („advanced materials“) sowie für elektrische Spezialitäten rund um die Energiewende den Ausblick fürs Jahr nach oben korrigiert. Bei der Rendite hieß das: von 8,5 auf bis zu 9,5 Prozent.
Ein ganzes Jahr lang hatte sich der in Mexiko aufgewachsene Sohn eines Mexikaners und einer Spanierin auf die Chefrolle bei Mersen vorbereitet. Dessen 7250 Mitarbeiter sind in 32 Ländern und 54 Industriewerken aktiv. Dabei spielt Deutschland eine besondere Rolle. Schließlich war an der 1889 entstandenen Firma sehr früh der deutsche Fabrikant Willy Blumenthal maßgeblich beteiligt, ein jüdischer Philanthrop. In der Nazizeit wurden die Geschäfte des Herstellers von Kohlebürsten für Elektromotoren ganz auf die Frankfurter Dependance umgeleitet. Im Geschäft mit Kohlebürsten ist man noch immer führend, jetzt mit Blick auf große Industrieanwendungen (die Sparte für Autos und Haushaltsgeräte wurde 2009 verkauft).
Heute prüft der Konzern neue Chancen im deutschen Markt. Da gebe es großes Potenzial, sagt Lamas: „Wir werden dort besser werden. Ich liebe Deutschland mehr und mehr.“ Der deutsche Anteil am Mersen-Gesamtumsatz, derzeit bei acht Prozent, soll bald zweistellig werden. Schließlich habe man die passenden Produkte für die Energiewende, etwa für Solar- und Windkraft. Deutschland ist neben Frankreich, USA, Kanada und China ein Kernmarkt von Mersen.
Betrachte man die geopolitische Position, die Marktanwendungen und den gelieferten Graphit-Typ, dann befände sich Mersen unter den Top drei des Gesamtmarkts, urteilt Giovanni Selvetti, Analyst bei der Berenberg Bank. Hauptrivalen seien Toyo Tanso und Tokai Carbon aus Japan sowie SGL Carbon und Schunk aus Deutschland.
Tatsächlich ist die Firma SGL Carbon ins Blickfeld der Franzosen geraten. Sie erlöste zuletzt nur noch 850 Millionen Euro (minus 17 Prozent). Der Hauptsitz der Firma, bei der BMW-Teilhaberin Susanne Klatten Großaktionärin ist, wechselt Anfang 2027 von Wiesbaden zum Produktionsstandort Meitingen bei Augsburg. Salvador Lamas: „Sicherlich kann ich mir eine engere Kooperation mit SGL Carbon vorstellen. Das könnte Sinn ergeben, aber es muss für beide vorteilhaft sein.” Mögliche Kooperationsgespräche mit Mersen seien „in unserem Hause nicht bekannt“, kommentiert eine Sprecherin von SGL Carbon trocken. Es handele sich um zwei selbständige, börsennotierte Unternehmen, deren Geschäftsmodell sich nur teilweise überschneide.
Gemeinsam ist die Idee, mit Graphitfilzelektroden (Reinheitsgrad: 99,9 Prozent) von den boomenden Märkten Luft- und Raumfahrt sowie Verteidigung zu profitieren. Graphit ist hier ein strategischer Rohstoff, der etwa in Raketentechnologien, Drohnen, Radarsystemen und Hilfstriebwerken eingesetzt wird. Die US Defense Logistics Agency wählte Mersen als Lieferant aus.
Graphit habe eine „glänzende Zukunft“, subsumiert Konzernchef Lamas, nur wenige Materialien seien für so schwierige Umweltbedingungen wie etwa in der Raumfahrt geeignet. Die indischen Forscher von Mordor Intelligence gehen von einer durchschnittlichen Wachstumsrate von 9,91 Prozent im Graphit-Markt aus. Der Stoff sorge, so Lamas, für Effizienz in der Welt der Konsumenten – für die er jedoch eine unsichtbare Ware bleibt. Wenn Freunde oder die Familie ihn fragen, was genau er denn so im Beruf mache, nennt Lamas schnell Produkte wie das Glas von Handys oder kabellose Kopfhörer, die alle ohne den Einsatz von Graphit undenkbar wären: „Also kann man sagen: Mersen ist überall!“
Eisenbahnen nennt der CEO als weitere Wachstumszone. Vermehrt kommen Aufträge auch von US-Rechenzentren, denen man Sicherungen liefert. Für die dort eingesetzen Halbleiter wiederum sind Silikon-Halbleiter nötig, die in der Produktion ebenfalls Graphit brauchen. Mit CATL, dem chinesischen Weltmarktführer für E-Auto-Batterien, arbeitet der französische Zulieferer in Schanghai eng zusammen.
Die eigenen Wachstumsziele schließen 100 Millionen Euro Neu-Umsatz durch Zukäufe bis 2029 ein. CEO Lamas spricht von “einer Pipeline an Möglichkeiten, der wir womöglich folgen, besonders in Europa, in Nordamerika und – warum nicht – in Indien”. Mit 43 Prozent fallen aktuell die meisten Umsätze in Nordamerika an, gefolgt von Europa (33 Prozent) und Asien-Pazifik (21 Prozent). Schon in der Vergangenheit akquirierte Mersen immer wieder Firmen, 2019 etwa das deutsche Familienunternehmen GAB Neumann, einen Spezialisten für Wärmetauscher.
Europa müsse agiler werden, weil China so schnell sei, warnt Lamas: “Also sollten wir vereinfachen, was wir tun. Wenn man zu spät ist, kommt man manchmal nicht mehr rechtzeitig zum Büffet – und es gibt nichts mehr zu essen.” Zur Finanzierung der Expansion hat Mersen 2024 und 2025 mit dem Verkauf von Schuldscheinen über „Private Placements“ mehr als 200 Millionen Euro eingenommen. Die Liste der institutionellen Investoren, die Anteile an Mersen halten, reicht vom norwegischen Staatsfonds bis zu Vermögensverwaltern wie Vanguard. Federführend ist mit mehr als zehn Prozent des Kapitals die staatliche Investitionsbank Bpifrance.
In den 24 Zentren für Forschung & Entwicklung des Graphit-Giganten wird Innovation großgeschrieben, künstliche Intelligenz sorgt für weiteren Schwung. Die neue Einheit „Mersen International“ soll helfen, Erkenntnisse aus den unabhängigen Ländergesellschaften konzernweit in einer Art interner Ideenbörse zu nutzen. Zudem setzt CEO Lamas auf innige Partnerschaften mit Industriekunden.
Wenn man den Wachstumsplan Jahr für Jahr erfülle, seien das gute News für Aktionäre, Investoren und Marktbeobachter, sagt der Manager zum Schluss. In normalen Zeiten wäre das ausreichend, aber seit Covid habe man eine “verrückte Welt”. Daher brauche man ein sehr gutes, engagiertes Team. Von aktionistischen „Hundert-Tage-Plänen“ hält Lamas dagegen nichts: “Eine meiner Hauptaufgaben ist es, die Firma für die nächsten 140 Jahre vorzubereiten. Historisch gesehen sind selbst 200 Jahre nichts.”

