Öffnet in einem neuen Tab

Meine gesammelten Werke: Wie ich die Lage gesehen habe.

1100 Stellen weniger und ganz viel Männersport  - Bertelsmann geht bei RTL/Sky zum Angriff über

Süddeutsche Zeitung, 28.09.26

Ein Champion baut ab

1100 Stellen weniger und ganz viel Männersport  - Bertelsmann geht bei RTL/Sky zum Angriff über

Süddeutsche Zeitung, 28.09.26

Neulich war mal wieder „Deutscher Fernsehpreis“, das Ritual des schönsten Selbstbeschaus der Branche. Dabei hatte eine Frau ihren Großauftritt, die oft „Scheiß drauf“ sagt oder „Wir scheißen uns etwas“ und die deshalb bei RTL zum Beispiel den von Donald Trump so geliebten Käfigkampfsport Material Martial Arts (MMA) zeigt, und zwar mit dem im Hells-Angels-Milieu angesiedelten Athleten Christian Eckerlin als Galionsfigur. Oder die eine neue Erotik-Dating-Show namens „Maison Tabou“ platziert, die „Bild“-Sachverständige exklusiv als „nackteste Show im deutschen TV“ priesen. Motto: Erst Sex, dann kennenlernen.

Inga Leschek also, bei RTL Deutschland in Köln „Chief Content Officer“ (vulgo: Programmchefin), räsonierte an diesem Fernsehpreis-Abend auch über größere Dinge. Ja, die Branche sei im Umbruch, sagte sie, aber, hey Leute, „Optimismus rules“. Nicht unterkriegen lassen, so ihr Wunsch, mit jeder Herausforderung kommen auch Chancen: „Wir packen das!“

Die „Optimismus-rules“-Philosophie dürfte bei all jenen im eigenen Haus als schwache Aufmunterung ankommen, die bei der größten Umbauaktion in der RTL-Geschichte um ihren Job fürchten müssen. Bei der Kraftanstrengung will sich Gesellschafter Bertelsmann mit der Verschweißung der alten, frei empfangbaren RTL-Senderfamilie, des digitalen Streaming-Angebots RTL + und der seit Juni dazugehörenden Pay-TV-Neuerwerbung Sky Deutschland möglichst zukunftssicher machen. Die gemeinsame Zahl von 12,4 Millionen Abonnenten gilt als Schatz im Abwehrkampf gegen die aus den USA gesteuerten Plattformen von Netflix, Amazon, Disney und Paramount. Die Neu-Orientierung von RTL hat bereits binnen weniger Monate 1100 Stellen gekostet, weitere Erschütterungen nicht ausgeschlossen.

„Bei vielen geht die Angst um“, sagt ein langjähriger Kenner, „das Ganze ist derzeit noch ein ziemlicher Verhau“. Der Deutsche Journalistenverband befürchtet einen „massiven Kompetenzverlust“ im Journalismus. Direkt zuständig ist mit Neu-Personalchefin Elke Walthelm aus der Geschäftsführung ausgerechnet eine einst hochrangige Sky-Managerin.

Die Pläne für solche Operationen der härteren Art gehen fürgewöhnlich bei Bertelsmann auf das Beratungsunternehmen McKinsey zurück, das in Köln zuletzt offiziell bis Ende 2025 mandatiert war. 2023 war der in gemeinsamen Arbeiten bewährte Consultant Maximilian Orgonyi, 36, zu RTL Deutschland gewechselt, wo er heute als Chief Transformation & AI Officer fungiert. Der Jung-Manager soll, so Insider, einen besonders guten Draht zu dem am Jahresende ausscheidenden Bertelsmann-Chef Thomas Rabe, 61, haben. Der asketische Rechenkünstler hat sich viele Jahre lang im Auftrag der Eigentümerfamilie Mohn bei RTL wirklich um fast alles gekümmert und sitzt noch immer in der Holding RTL Group als Executive Director in der Führung.

Der dort seit Mai offiziell regierende, noch weitgehend unscheinbare CEO Clément Schwebing, 49, hat im „Hollywood Reporter“ die eigene Strategie („nationaler Champion“) breit ausgelobt – keine andere europäische Medienfirma produziere so viel lokale Inhalte. Und das Abo-Angebot RTL +, merkte er an, habe im ersten Halbjahr 100 Millionen Euro operativen Gewinn gemacht. Das gleicht den Ergebnisrückgang bei RTL und den angeschlossenen Funkhäusern von Vox, n-tv & Co. aus, wo Werbekunden inzwischen weniger Geld für Spots abliefern. „Weil die Publikumskonstakte dort schwinden, zwingen sie uns geradezu auf die amerikanischen Streaming-Plattformen“, sagt ein ranghoher Media-Experte. Der Verband Vaunet schätzt, das Geschäft mit klassischer Fernsehwerbung gehe dieses Jahr um vier Prozent auf 3,1 Milliarden Euro zurück. Werbung auf Video-Streamingportalen dagegen ziehe um 18 Prozent auf 2,6 Milliarden an – und werde zu 72 Prozent von den Giganten wie Alphabet (YouTube) und Amazon beherrscht.

Das ist die unfreundliche ökonomische Großwetterlage. Alles etwas eingetrübt. Mit weniger Leuten viel mehr machen, vor allem im Pay-TV, lautet die Gegenstrategie in Köln. Zu Jahresanfang hatte sich RTL Deutschland bereits bei der Operation „Shift 2026“ Sendungen wie „Gala TV“ oder „Punkt Sieben“ geschenkt; zum Jahresende endet nach 32 Jahren sogar die Daily Soap „Unter uns“. 600 Stellen fielen bei „Shift 2026“ weg, davon 230 bei RTL News. Nun entfallen bei der Verehelichung von RTL + und Sky bis Ende 2027 noch mal weitere 500 Arbeitsplätze. Damit seien alle „Doppelstrukturen“ beseitigt, sagt eine Firmensprecherin. Kündigungen gebe es nicht, alles soll sozialverträglich ablaufen. Ende Juli habe die Zahl der Vollzeitstellen im zusammengeführten Unternehmen bei 6900 gelegen, heißt es.

Offiziell argumentieren die Kölner TV-Strategen mit positiven Fusionseffekten von 250 Millionen Euro, vor allem durchs Kostensparen („Synergien!“ „Synergien!“). Das hat die börsennotierte RTL Group dem Kreis ihrer Aktionäre versprochen – der zu 76 Prozent von Bertelsmann bestimmt wird.

Nach den schnellen Sparaktionen zur Ouvertüre beginnt nunmehr die eigentliche, mühsame Arbeit. Es gilt etwa, neue Vermarktungspakete anzubieten, die Programme zu sortieren und die Technik zu harmonisieren. Während bei RTL+ die genutzte Plattform, erstellt von der Tochter Bedrock, allem Anschein nach sehr à jour ist, sind bei der 35 Jahre alten Neu-Schwester Sky (vorher Premiere) komplizierte IT-Strukturen vorhanden.

Die Marke Sky und ihr Münchener Standort sollen aber auf jeden Fall bleiben, man hat eine Zukunft als Heimstatt des Sports; hier liegen bis 2029 die teuren Rechte an der Fußball-Bundesliga. Und schließlich zahlt RTL jährlich für die Sky-Markenrechte einen guten einstelligen Millionenbetrag an Sky PLC in London, ein Zehn-Jahres-Vertrag regelt Näheres. Die britische Einheit des US-Konzerns Comcast hatte die chronisch defizitäre deutsche Sky-Tochter lange Zeit wie Sauerbier angeboten und stand offenbar kurz davor, die Türen abzuschließen, wie Vertraute berichten.

Bei der nun anstehenden Sanierung durch Käufer Bertelsmann dürfte es mittelfristig keine Tabus geben. Kaum Chancen auf Überleben dürfte auf Sicht zum Beispiel „Wow“ haben, der Streamingdienst von Sky. Man werde sicher noch ein paar Marken aussortieren, verkündet Stephan Schmitter, 52, CEO von RTL Deutschland.

Im eigenen Zukunftsmodell steht die Marke RTL für Unterhaltung. Dabei bildet im Free-TV beim Hauptsender noch immer die vom Gründungsgeschäftsführer Helmut Thoma selig einst in den frühen 1990ern geformte Struktur das Gerippe, mit Mittagsmagazin, RTL aktuell und Nachtjournal, flankiert von Evergreens wie „Gute Zeiten, schlechte Zeiten“. Bei RTL + wiederum ziehen Reality-TV („Love Islands“), Actionfilme („Land of Bad“) und Dokus wie „Yeliz &Jimi“, wo Yeliz Koc und Jimi Blue Ochsenknecht ihre Beziehungsprobleme zelebrieren. Die bei Sky in fünf Staffeln erfolgreiche Produktion „Diese Ochsenknechts“ musste bei RTL dagegen nach nur drei Folgen abgesetzt werden.

Gemeinsam präsentieren RTL, RTL + und Sky nun über ihre Kanäle hinweg die Fußball-Bundesliga, den DFB-Pokal, Formel 1 und American Football. Jüngst sorgten beim linearen Sender RTL sogar recht unspektakuläre Spiele aus der ersten und zweiten Liga für hohe Quote. Dass bei all den Käfig- und Ballkämpfen das Programm zu männerlastig werden könnte, gehört zu den Risiken im Survival-Kampf. Werberiesen wie Procter & Gamble (Always, Ariel, Pampers, Gillette) bevorzugen Familienprogramme.

Hochproblematisch dürften schließlich Ideen sein, leidige Personalkosten durch die Rechen-Power von Künstlicher Intelligenz zu kompensieren. Als RTL jüngst eine Woche lang fünf alte Folgen von „Ulrich Wetzel – das Strafgericht“ via KI in neue Stories verwandelte und dabei auch einen Schauspieler neu integrierte, ging die Aufregung zuweilen schon in Abstrafung über. Anders als RTL+ hatte der Free-TV-Sender RTL, das alte Schlachtross, auf eine Kennzeichnung verzichtet. Niemals würde sie erlauben, dass ihr irgendetwas in den Mund gelegt werde und man es technisch auch noch so aussehen lasse, als habe sie das selbst gesagt, echauffierte sich Barbara Salesch öffentlich: „Das ist einfach unecht.“ Seit 2022 gehört Salesch, bekannt geworden bei Sat1, zum flimmernden Gerichtswesen von RTL.

Die Kölner Sendergruppe zeigt sich insgesamt überrascht von der heftigen Resonanz. Man prüfe noch, ob es einen neue KI-Test-Case geben werde. Ergebnis: offen. Manchmal ist: „Scheiß drauf“ vielleicht doch nicht die richtige Strategie.