Einen Text über den „Spiegel“ mit Rudolf Augstein (1923 bis 2002) zu beginnen, kann kein Fehler sein. Schließlich steht der Gründer als Herausgeber im Impressum. Also: Es werde weniger gelesen und vor allem weniger Gutes gelesen, befand der Publizist gegen Ende seines Lebens, „spätestens mit Beginn des skrupellosen Einschaltquoten-Journalismus endete die Hochzeit des geschriebenen Wortes“.
Die knappe Analyse beschreibt die Kalamitäten, in denen die Zeitschrift 13 Monate vor ihrem 80. Geburtstag und 23 Jahre nach dem Tod Augsteins steckt. Die Anpassung an die Social-Media-Empörungsgesellschaft, in der Politiker wie Donald Trump die News-Zone mit Schmutzeleien fluten, stresst Redaktion und Verlag einer solchen Zeitschrift genauso wie der antipolitische Reflex vieler, die lieber ins warme Wellness-Feeling fliehen.
Für ein Medium wie den „Spiegel“, der sich immer als politisch verstand (einst sogar als „liberales, im Zweifelsfall linkes Blatt“) ist beides Gift. Die Folge solcher Entwicklungen: ein permanenter interner Positions- und Definitionskampf, der regelmäßig zum Beben in der Chefetage führt. Führungsdramen gehören im „Spiegel“ wie der rote Rahmen auf dem Titel.
Jetzt ist es wieder so weit. Im Top-Management hat es mit Stefan Ottlitz, 49, einen Helden der Vergangenheit erwischt, den einige – dank digitaler Kompetenz – für die Zukunft des Hauses hielten. Der machtbewusste Manager, selbst journalistisch beschlagen und mit dem Wesen der Intrige vertraut, hatte selbst einiges für die Weiterverbreitung dieses Images getan. Und doch baut Thomas Hass, 60, der Vorsitzende der Geschäftsführung, seine Top-Riege ohne den langjährigen Captain Future von der Ericusspitze 1 in Hamburg, dem Firmensitz. Ottlitz geht. Dessen Aufgaben übernimmt als Chief Product Officer künftig Christoph Zimmer, 49, der weiterhin Chef von „Elf Freunde“ bleibt.
Auch den Kauf des Fußballblatts hatte der gescheiterte Ex-Matador durchgesetzt. Mit Getreuen wie Zimmer, die er von anderen Medienhäusern gegen gutes Entgelt loseiste, sicherte Ottlitz systematisch über die Jahre seine Einflussbasis. Damit ist es nun vorbei. Kaum einen würde es zudem wirklich überraschen, wenn nicht ein Machtkampf des Digitalexperten mit „Spiegel“-Häuptling Hass und anderen Hausgrößen die Ursache für die Abschiedspersonalie gewesen sein sollte.
Im Zuge des Umbaus muss auch Personalchef Felix Blum das Weite suchen. Und zum Ende des Jahres geht Melanie Amann, einst stellvertretende Chefredakteurin, die Perspektiven für mehr hatte. Die Frau, die den „Spiegel“ bei ihren vielen Talkshow-Auftritten nachdrücklich vertrat und somit eine Lücke reißt, war in einer wichtigen Übung des Hauses gescheitert: dem Machtkampf. Seit 2008 hatte der „Spiegel“ sechs Chefredakteure.
Die neue Causa Ottlitz ist schon dramatisch genug, der dilettantische Umgang damit birgt jedoch weiteren Zündstoff. In einem Haus der Journalisten, die grundsätzlich Misstrauen in ihrer DNA haben, bot die Geschäftsführung am vorigen Donnerstag auf der Betriebsversammlung tatsächlich das Narrativ „Business as usual“ auf: Bitte weitergehen, es ist ja nichts passiert. Vor einem Großaufgebot der mehr als 1.000 Mitarbeiter wurde der Eindruck äußerster Normalität gepflegt. Man dankte für eine sehr gute und enge Zusammenarbeit.
Zweifel erweckte jedoch schon die Tatsache, dass bei der PR-Darbietung Fragen nicht erlaubt waren und der scheidende Co-Geschäftsführer nicht präsent war. Die Hintergründe der Scheidungssache Spiegel/Ottlitz blieben Betriebsgeheimnis. „Die Redaktion fühlt sich verschaukelt“, giftet ein „Spiegel“-Journalist. „Eine Farce“, sagt ein anderer.
Ottlitz selbst strickt in einer internen Mail und auf LinkedIn ebenfalls am „We-are-all-fine“-Narrativ. Dass er von einem Tag auf den anderen aus der Führung der Geschäfte gegangen sei, gehe „managementtechnisch bei einer solchen Aufgabe nicht anders“. Er habe nun mal „alle fünf, sechs, sieben Jahre“ in seinem Berufsleben etwas anderes gemacht. Alles habe ein Ende, nach „satten acht Jahren“ auch seine konkrete operative Rolle als Geschäftsführer der „Spiegel“-Gruppe. Das kann man auch so verstehen, dass in seiner Planung der nächste Karriereschritt im Haus angestanden hätte – was die Nachfolge von Thomas Hass bedeutet hätte. Angeblich soll es Streit um einen neuen langfristigen Ottlitz-Vertrag gegeben haben.
Sicher ist, dass der Mann, der in der Branche schon mal als „,Spiegel‘-Mastermind“ tituliert wurde, in der Planung seiner Berufslaufbahn stets sehr zielorientiert war. Nach Start als Lokalreporter der „Süddeutschen Zeitung“ und einer Ausbildung an der Deutschen Journalistenschule folgten Stationen bei der „Abendzeitung“ in München und der „Financial Times Deutschland“, ehe er 2006 Chef vom Dienst, Textchef und Geschäftsführender Redakteur bei Spiegel Online wurde. Es folgten sieben Jahre als Chefredakteur von Sueddeutsche.de, bevor es 2017 zunächst als Leiter der Produktentwicklung zurück in die „Spiegel“-Gruppe ging. 2020 rückte er in die Geschäftsführung auf.
Wie sehr Ottlitz bei seinem persönlichen Powerplay an Macht gewann, zeigte sich 2023. Damals gewann er ein Scharmützel gegen den amierenden Chefredakteur Steffen Klusmann, der selbst eigene Ideen für die digitale Zukunft präsentierte, beispielsweise auf Podcasts setzte. Gegen Klusmanns unwürdige Demission unterschrieben am Ende 274 Redakteurinnen und Redakteure binnen kurzer Zeit einen Protestbrief, der folgenlos blieb. Ihm folgte Dirk Kurbjuweit, 63, dessen Nachfolge wiederum in nicht allzulanger Zeit anstehen dürfte – eine Entscheidung, bei der alle auf die nächsten Ottlitz-Manöver warteten. Manche im „Spiegel“-Haus hatten ihn zwischenzeitlich sogar als möglichen Chefredakteur gesehen, schließlich kommt vom Journalismus, versteht viel vom Internet und hat Management on the job gelernt.
Zuletzt schaute der Allrounder nach wichtigen internen Projekten rund um Künstliche Intelligenz, zu denen etwa KI-basiertes Factchecking gehört. Sein Zögling Ole Reißmann, Director AI, erklärte aller Welt die Strategie.
Wo Ottlitz war, da ist erst einmal ein Vakuum. Wer verantwortet jetzt eigentlich die Online-Strategie? Das fragen sich viele im Haus.
Andererseits: Rundum erfolgreich war sein Wirken in Hamburg nicht. Dass der „Spiegel“ seit einigen Monaten dem „Focus“ folgte und nicht mehr samstags, sondern freitags erscheint, hat die Heftverkäufe nicht stimuliert. Dafür ächzt die Redaktion. Sie hat nach der montäglichen Planung der Druckinhalte nur noch bis Mittwoch Zeit zur Fertigstellung. Insgesamt fiel die Auflage des Magazins (Print und Online) im dritten Quartal 2025 um 4,6 Prozent auf rund 641.000. Trotz solcher Schwächeanfälle hält man sich in dem Segment als Nummer eins, dicht bedrängt von “Die Zeit“.
Es gibt ein paar Auffälligkeiten. Der „Spiegel“ erscheint nach der jüngsten Layout-Reform auf manchen Seiten leicht und luftig wie eine Männer-Illustrierte. In vielen Ressorts sitzen Reporter, aber es gibt auch noch ein Reporterressort. Eine Titelgeschichte wie jene über Leben und Tod von Laura Dahlmeier erinnert an den „Stern“. Und wenn man dem Vorwurf der schleichenden „Depolitisierung“ und Beliebigkeit Handfestes entgegensetzen will, dann kommt dabei eine Story wie „Der Merkel-Kult“ heraus, und zwar mit einem Titelbild, das eine Teetasse mit Merkel-Konterfei zeigt sowie einen Teebeutel mit dem Hinweis “Merz lindern“. Neue Formate wie „Demokratiecheck“ oder „Maschine der Woche“ funktionieren nur im Print und keinesfalls online auf Spiegel.de, dort, wo zum Beispiel der Einschub von „Elf Freunde“ wie ein Fremdkörper wirkt. Es gibt noch einiges zu tun in Europas wohl größter Redaktion.
Fragen hat intern auch der von einigen als ruppig empfundene Führungsstil von Ottlitz aufgeworfen. Es wirkt, als hätten ihm die Gepflogenheiten von US-Techfirmen gefallen. Selbst im Umgang mit Betriebsräten wird von Aggressivitäten berichtet. Zuletzt soll er bei Videokonferenzen öfter aus München oder irgendwo aus den Bergen zugeschaltet gewesen sein.
Näheres über die Bilanz und die Demarche von Stefan Ottlitz ist am Montag, dem 1. Dezember, zu erfahren. Es soll endlich klare Antworten und keine PR-Hülsen geben. In den „Spiegel“-Konferenzraum, zehn Uhr, haben Chefredakteur Kurbjuweit und Markus Brauck geladen, der Chef der Mitarbeiter KG. Diese Gesellschaft, in der die Anteile des Personals gebündelt sind, hält mit 50,5 Prozent die Mehrheit an der Verlagsgruppe; 25,5 Prozent liegen bei der Bertelsmann-Familie Mohn, 24 Prozent bei den Kindern von Rudolf Augstein. Vergeblich hatte der Gründer kurz vor seinem Tod noch zugunsten der eigenen Familie versucht, Bertelsmann vom einst vereinbarten Erwerb weiterer 0,5 Prozent abzubringen.
Brauck hat als Vertreter des größten Gesellschafters eine Sonderrolle. Man sei Stefan Ottlitz zu großem Dank verpflichtet, kabelte über alle Kanäle. Er habe die ökonomische und publizistische Strategie des „Spiegel“ entscheidend mitgestaltet, etwa beim digitalen Abo-Modell, der Erweiterung der Marke und neuen Produkten: ein „Glücksfall“. Auch Unternehmenschef Hass war einmal – im Jahr 2013 – zum Leiter der Mitarbeiter KG aufgestiegen. Seine dabei bewiesenen Mediationskünste verhalfen zum weiteren Aufstieg.
Als es im Mai 2023 um die Entmachtung von Ex-Redaktionsboss Klusmann ging, waren Ottlitz und Brauck noch in einem Team gewesen. Nun soll es der Mitarbeiter-KG-Chef gewesen sein, der das Begehren nach einem neuen Langfristvertrag nicht erfüllte.
Was immer die Montagsrunde Erhellendes über die Angelegenheit bringt, als Berater will Ottlitz noch ein paar Monate beim „Spiegel“ an Bord bleiben. Und er gibt kund, dass es ihn als neugierigen Menschen reize, „was ich noch mal anderes im Leben machen kann“. Genaues weiß man nicht.
Man habe „etwas Sein, etwas Schein, etwas Schwein“ beim „Spiegel“-Erfolg gehabt, meinte Rudolf Augstein einst ein wenjg despektierlich über sein Blatt. So gesehen hat dem abgedankten Digitalkönig am Ende in der Hauptsache das Glück gefehlt.

