Von Helmut Schmidt ist die Erkenntnis bekannt, dass Krisensituationen einen handelnden Politiker zur Philosophie zwängen. Sonst sei er in Gefahr, „Opportunist“ oder „Scharlatan“ zu werden, fand der SPD-Politiker. Unter anderem war er vom Soziologen Max Weber („Politik als Beruf“) angetan und von dessen Lehre einer „Verantwortungsethik“: Man müsse die Konsequenzen des eigenen Handelns beachten und für Nebenwirkungen geradestehen.
Der aktuelle, politisch ganz anders grundierte Bundeskanzler präsentiert selten die Früchte intellektueller Lese-Exkursionen. Bei Friedrich Merz ist die Sache mit der Verantwortungsethik kein Gegenstand rhetorischer Betrachtung, sondern sie wächst ihm zu im politischen Alltag. Es sind die äußeren Umstände („Poly-Krise“), die den CDU-Chef auf jenes Feld drängen, über das Helmut Schmidt so gerne geredet hat: das der besonderen Verantwortung.
Herausgefordert von Kriegen (Ukraine), von Illiberalität an ungewohnter Stelle (Trumpismus) sowie an gewohnter Stelle (AfD), konfrontiert mit geopolitischem Überehrgeiz (China), Stagnation im früheren Wirtschaftswunderland, technologischen Eruptionen (Künstliche Intelligenz), Klimaschäden und demographischen Trends (Überalterung) muss Friedrich Merz die Rolle des Stabilisators in Not einnehmen, des Verlässlichen in einer unzuverlässigen Umgebung. Er muss einer sein, der Hoffnung weckt, wo Zukunftsangst herrscht. Einer, der Sicherheit verströmt, wo viele verunsichert sind. Einer, der für Positives steht inmitten einer Welt der Negativa.
Damit wuchs und wächst dem Kanzler nach wenigen Monaten der Amtsführung die Rolle eines Verantwortungsträgers zu, der schier Unmögliches versuchen muss. Dazu gehört, die wehrtechnisch erschlaffte Republik genauso schnell zu ertüchtigen wie eine unter Bürokratisierung und Kostendruck leidende Volkswirtschaft, die sich unbedingt neben den USA und China in der Phalanx der großen Drei der Weltökonomie halten soll.
Auf außenpolitischem Terrain gelingt Merz die Aufgabenerfüllung sichtbar besser als in der Innenpolitik. Kunststück, wollte er sich doch von vorneherein als „Außenkanzler“ profilieren, mit einem CDU-betreuten Außenministerium als Partner.
In einer Zeit des Europa-Bashings ist Friedrich Merz nichts weniger als Europas Hoffnung. Das politische Werden des Kontinents ist sein Hauptthema, die ersten Jahre seiner Karriere, von 1989 bis 1994 im Europäischen Parlament, haben ihn geprägt. Konrad Adenauer mit seiner Politik der West-Bindung und Helmut Kohl, der Mit-Architekt der Europäischen Union, sind seine Leitfiguren. Europa ist in dieser Sicht nicht nur Wirtschaftsraum, sondern Werte- und Friedensgemeinschaft. Nur so entstünden Wachstum und Verteidigungsfähigkeit.
Es ist ein Verdienst des aktuellen Kanzlers, dass das so wichtige, zuletzt arg strapazierte deutsch-französische Verhältnis wieder Niveau und Ambition hat. Dass Europa bei den Ukraine-Friedensbemühungen der USA mit Russland mitmischt und dass so Berlin zum Schauplatz vertiefter Gespräche wurde, ist unzweifelhaft eine Leistung des Verantwortungsträgers Merz. Unter den politischen Anführern Europas ist der 70-Jährige derzeit der Wichtigste. Der ausgewiesene Transatlantiker dechiffriert die geoökonomischen Formeln Washingtons, in denen Rohstoffe mehr zählen als Demokratie, und er hat einen „back channel“ zu Donald Trump, so erratisch er ihn auch erlebt. Beide bauen eher auf persönliche Beziehungen als auf Beziehungen zu einem Land.
Innenpolitisch kann Merz nur hoffen, dass außenpolitische Erfolge abstrahlen und seinen Umfragewerte aufhelfen. Migrationsmaßnahmen und Mütterrente reichen nicht als Wähler-Knaller. Alle registrieren, dass im Berliner Koalitionstheater das laut beworbene Stück „Herbst der Reformen“ vom Spielplan genommen wurde. Klartext-Redner Merz, der einst mit seinen rhetorischen Würfen ordnungspolitische Fundamentalisten wie in der Jungen Union begeistert hat, muss sich nun mit den Klempnerarbeiten einer schwarz-roten Zweckgemeinschaft abmühen. Irgendwo tropft das Rohr immer.
Der Kanzler ist nun in einer Führungsverantwortung, wie er sie noch nicht erlebt hat. Ab und an kam dabei zuletzt der ewige Nonkonformist in Merz zum Vorschein, der anecken will wie früher in Jugendjahren im heimatlichen Sauerland, als er aus disziplinarischen Gründen das Gymnasium wechseln musste. In solchen Momenten setzt er Stichworte wie „Stadtbild“, die den Getreuen zeigen sollen, dass er es ernst meint mit liberal-konservativer Remedur. Kritiker reden dann von fehlender Impulskontrolle.
Friedrich Merz lernt derzeit, dass man als Kanzler nicht einfach so einen „raushauen“ kann. Er verwandelt sich auf offener Bühne zusehends vom scharf formulierenden Provokateur, der er in der Opposition war, zum staatsmännischen Vertreter der Res publica. Und er muss, er will es hinkriegen. Schließlich ist der Wille zur Führung Deutschlands riesengroß geworden in all den Jahren, in denen Rivalin Angela Merkel regierte und er als Wirtschaftsanwalt in Aufsichtsräten saß. Hat er nicht immer wieder in Büchern wie „Mehr Kapitalismus wagen“ dokumentiert, worauf es ankommt? „Retten müssen wir den Kapitalismus“, formulierte er, „denn ohne Kapitalismus gibt es keinen Sozialstaat, und ohne Sozialstaat gibt es keine soziale Gerechtigkeit“.
Nun ist der findige Jurist in jenen Mühen der Ebene gelandet, in denen sich Verantwortungsträger profilieren. Friedrich Merz, stets demonstrativ im blauen Anzug und mit Krawatte gekleidet, wirkt dabei wie der „Letzte seiner Art“: hundert Prozent „Old School“. In seiner Kommunikationswelt zählen ein Meinungsbeitrag in der „Frankfurter Allgemeinen“, das Rednerpult im Bundestag und die gute, alte „Tagesschau“ – auch wenn er inzwischen, wie alle, auf Social Media junge Zielgruppen sucht. Was aber kann „Rambo Zambo“ im Kanzleramt schon sein im Vergleich zum Fleisch-und-Wurst-Format #söderisst auf Instagram oder einer tätowierten Tiktok-Königin Heidi Reichinnek? Einer wie Merz steht permanent im Dilemma, einerseits Aufmerksamkeit zu brauchen, andererseits aber die raren Güter Vertrauen und Seriosität nicht zu beschädigen.
Den besten Rat, wie man in der Medienreizgesellschaft die Balance hält, bekommt der Regierungschef von seiner Frau Charlotte, Richterin in Arnsberg, heißt es in seiner Partei. Enge politische Freunde, wie Helmut Kohl sie schätzte, hat Merz nicht. Er blieb Einzelgänger. Sein Trumpf ist die Glaubwürdigkeit beim Bestreben, all jene von der Macht weit fernzuhalten, die der Bevölkerung weismachen, alles werde besser, wenn das Land keine Milliardensummen mehr für die Ukraine ausgebe und wieder billiges Gas und Öl aus Russland beziehe. Gegen solchen Populismus von links und rechts beweist der Mann aus dem Sauerland, ein moderner Wertkonservativer, Standvermögen.
Im nächsten Jahr wird Friedrich Merz das Beste aus den Ergebnissen zweier Kommissionen (für Rente und die Schuldenbremse) machen müssen, was bedeutet: Geld für die Reform des Staates zu organisieren. Er wird ganz beim „starken, langsamen Bohren dicker Bretter“ sein, womit wir noch mal bei Max Weber landen. Dessen Definition von Politik liebt Friedrich Merz.

