Meine gesammelten Werke: Wie ich die Lage gesehen habe.

Boot, Buch, Bundesrepublik: Das Medien-Phänomen Gabor Steingart

Turi.One, 23.11.2015

„Denken Sie an mich, wenn der Tag da ist“

Boot, Buch, Bundesrepublik: Das Medien-Phänomen Gabor Steingart

Turi.One, 23.11.2015

Eine eindrucksvolle Illustration: Der großgewachsene Friedrich Merz auf einem Sprungturm. Hellblaues Businesshemd, Badeshorts in Schwarz-Rot-Gold. Darauf muss man erst einmal kommen.

Gabor Steingart ist darauf gekommen. Er klickt sich durch die Bilder seines Vortrags. Der Kanzler müsste vom Turm springen, man könne nur hoffen, dass da genügend Wasser im Bassin sei, sagt Deutschlands wohl debattenfreudigster, vielleicht auch streitbarster Wirtschaftsjournalist. Was bedeutet: Der Mann mit den Deutschland-Farben da oben soll endlich überfällige Reformen anstoßen.

Das Publikum, sein Publikum, lacht und versteht.

Es ist eine von etlichen heiteren Szenen, als der Gründer, Herausgeber und Chefredakteur des Portals „Media Pioneer“ in Berlin am vorigen Dienstagabend sein neues Buch „Systemversagen“ vorstellt – auf einem schwimmenden Verlagskomplex, den die Moderatorin als “führendes TV-Studio“ einführt. Es handelt sich um „The Pioneer Two“, das größte Boot in der Hauptstadt, das sich zu „The Pioneer One“ gesellt hat. Damit hatte 2020 Steingarts Aufklärungspatrouille im Regierungsviertel begonnen.

Sein „Ahoi!“ inspirierte die Bewunderer schon damals zum Sonderlob, die Kritiker aber zur Spöttelei. So ist es eigentlich immer bei dem Publizisten, der sich 2012 vom ARD-Mann Tom Buhrow einen Präsentationsfilm namens „Die Gabor Show“ fertigen ließ, damals, als er „Medienmann des Jahres“ wurde. Steingart polarisiert. Man liebt ihn oder lässt es, aber irgendwie hat er am Ende mit Marketinggespür doch Themen gesetzt und auch Produkte.

Derzeit reist er nicht nur mit seinem Buch (Untertitel: „Aufstieg und Fall einer großartigen Wirtschaftsnation“) durch die Lande und die Talkshows, das Werk ist sogleich auf Platz vier der „Spiegel“-Bestsellerliste eingestiegen. Er ist auch mit „Celebrating Democracy: The Pioneer Tour 2025“ unterwegs, einer Revue mit vielen Nummern. Direkt nach der Berliner Boot-Buchpremiere ging es nach München zu zwei Abenden in die Alte Kongresshalle (850 Plätze): ausverkauft. Die Dax-Chefs Tim Höttges (Deutsche Telekom) und Bill Anderson (Bayer) traten auf, man spielte Lieder, die mit Revolution zu tun haben, es gab Interviews und Vorträge.

Von „Systemversagen“ kann hier jedenfalls keine Rede sein, vielmehr hat die Show System – mit Gabor Steingart als Hauptgesellschafter, Axel Springer (Anteil: 36 Prozent) als Mitfinanzier, einer mitbeteiligten Leserschar (Anteil: 15 Prozent), was fast schon an die „taz“ erinnert, sowie einem jungen journalistischen Kernteam (rund 60 Mitarbeitende), das Podcasts und Newsletter („Briefings“) erstellt.

Das Aufstiegs-Abstiegs-Buch hat CDU-Generalsekretär Carsten Linnemann werbewirksam auf der „Media Pioneer Two“ vorgestellt und den Gastgeber dabei als „Tiefseebohrer“ gelobt, der „nicht oberflächlich unterwegs“ sei. Der Politiker empfiehlt das 560-Seiten-Werk, das von Skepsis gegenüber dem Staat („Die große Raupe Nimmersatt“) durchzogen ist, seiner Zunft zur Lektüre. Zu erleben sind darin viele oft verdrängte Fakten, mächtige, manchmal übermächtige Sprachbilder, eingängige Grafiken und unerwartete Thesen. Ein provokantes Geschichts-, Wirtschafts- und Politikbuch, insgesamt vielleicht ein wenig zu historisch grundiert.

Steingart schließt mit „Systemversagen“ an „Abstieg eines Superstars“ (2004) an, ergänzt durch ein Update von „Weltkrieg um Wohlstand“ (2006), seinem anderen Hauptbestseller. Alle Probleme hätten sich verschärft, sagt der Autor im persönlichen Gespräch. „Eine solche Ignoranz der Verantwortlichen gegenüber den Erkenntnissen von Wissenschaftlern, Ökonomen und klugen Politikern“ sei für ihn so bemerkenswert, dass er nun die alten Befunde „wuchtiger und deutlicher“ aktualisiere. Ihn motivierte zudem, sagt er, dass Angela Merkels Memoiren ihre Verwandlung von der Reformpolitikerin zur späteren „Zauderliese“ komplett ausblende. Natürlich geht es auch um Wirkung: „Rudolf Augstein hat einmal gesagt, es gibt keinen guten Journalisten, der am Ende nicht hofft, mit seinem Schreiben die Welt ein wenig verbessern zu können.“

Bei Augsteins „Spiegel“ war Steingart zuletzt Wirtschaftsressortleiter sowie Hauptstadt-Büroleiter in Berlin und Washington gewesen, ehe er beim „Handelsblatt“ 2010 erst Chefredakteur und dann Geschäftsführer (2013 bis 2018) wurde. Anschließend begann – im Schatten Springers – sein Leben als eigener Unternehmer mit Mission, auch mit Furor.

Im Jahr 2004, als Oppositionsführerin Merkel mit ihm über Superstars Abstieg sprach, war China noch die verlängerte Werkbank des Westens, inzwischen habe es Deutschland mit eigenen Produkten und Erfindungen überholt, referiert Steingart: „Wir wurden deklassiert.“ Der fundamentale Unterschied sei, dass wir nun einen „Weltarbeitsmarkt“ hätten. Unsere Aggregate aber würden durch nicht erfolgte Reformen auf Sand laufen – man müsste die Sozialsysteme radikal ändern.

Frage: Sind wir, die Deutschen, also zu bequem geworden?

Antwort: „Wir sind eine sehr ignorante Gesellschaft, keine faule. All diese Vorurteile teile ich nicht. Die Leute sind nach wie vor sehr fleißig. Das Problem ist: Wir hängen zu sehr an alten Systemen. Fast die Hälfte unserer Dax-Konzerne stammt aus dem 19. Jahrhundert. Das Bildungssystem geht auf Wilhelm von Humboldt zurück, das Sozialsystem auf Otto von Bismarck, das derzeitige Rentensystem auf Konrad Adenauer, das Autogeschäft auf Gottfried Daimler. Wir hören viel von Elektromobilität, aber 97 Prozent aller Fahrzeuge sind Verbrenner.“

Wie wettbewerbsfähig ist die deutsche Industrie noch?

„Ich bin kein Untergangsprophet. Deutschand stürzt nicht ab, es verliert an Flughöhe. Der Abstieg der Industrie ist ein relativer – im Vergleich zu den Wettbewerbern.“

In seinem Buch erwähnt Steingart einen „deutschen Defekt“. Darauf angesprochen, beklagt der 63-Jährige, dass der deutsche Staat mit seinen vielen Checks and Balances so gebaut sei, „dass er einen neuen Hitler verhindern soll – wir dadurch vielleicht aber einen kriegen“. Leadership sei nicht vorgesehen – auch nicht in dem Maße, wie wir es bräuchten. Und: Es gebe immer nur Ämtertausch, nie einen Richtungswechsel. Der Autor plädiert für eine starke „Kanzlerdemokratie“ nach amerikanischem Zuschnitt und hätte vor sechs Monaten liebend gerne eine CDU-CDU-Minderheitsregierung gesehen. „Friedrich Merz weiß alles, was auch ich weiß, aber er kommt aus dem alten System nicht heraus.“

Ist die aktuelle Rentendebatte – der Aufstand der Jungen in der Union – die passende, willkommene Begleitmusik für das Buch?

„Jeder Tag ist eine Bestätigung für das Buch. Es ist darin nichts zugespitzt. Wenn der Sozialanteil im Bundeshaushalt demnächst bei mehr als 80 Prozent liegt, was ist das dann noch für ein ein Staat? Das Konzept der etablierten Parteien, mit Wohltaten das Wahlvolk gnädig zu stimmen, geht nicht auf. Sie bekommen jedes Mal weniger Prozente. Die Nummer ist ausgespielt. Deshalb wird es Spieler geben, die den Ausbruch aus der alten Logik versuchen werden. Die Politik riskiert nichts mehr, wenn sie etwas riskiert.“

Bei solchen Sätzen ist man fast geneigt, an Girolamo Savonarola zu denken, der im alten Florenz des 15. Jahrhunderts stetig Demokratie und Systemwechsel einforderte und am Ende tatsächlich, dank Frankreichs Hilfe, mit seinen Predigten die Medicis zu Fall brachte, dem Volk half und den Papst ärgerte. (Er allerdings endete auf dem Scheiterhaufen.)

Auf der „Pioneer Two“, im Rahmen der Buchvorstellung, kommt gerade bei etwas ketzerischen Gedanken Laune auf. Die 60 Gäste sind im Impulsvortrag auf „Kern und Kruste“, Steingarts Lieblings-Metaphorik, eingestimmt worden. Der industrielle Kern der Volkswirtschaft – im dazugeklickten Bild grell-gelb dargestellt – verliere an Feuer, es befänden sich zu viele Menschen am Rand auf der (blauen) Kruste: vielleicht wichtig für die Gesellschaft (Hausfrauen, Rentner), ökonomisch unproduktiv. Auch Agenda-2010-Reformer Gerhard Schröder habe nur Billigjobber näher an den glühenden Kern herangeführt, mehr sei ihm nicht gelungen.

Nach so viel Kernphysik wollen die Anwesenden keine Lesung, sondern Debatte. Man fragt munter zu Künstlicher Intelligenz, dem Erkenntnisproblem, dem Politchaos in Frankreich, zu Andreas Vosskuhle und dem handlungsfähigen Staat, zu Auswegen aus dem Dilemma. Das Internet eröffne viele Wahlmöglichkeiten, lautet eine Antwort, warum könne das Volk denn nicht eines Tages mitbestimmen, welcher Minister welches Ressort übernehme: „Die Demokratie ist erst am Beginn.“ Man solle sich nur mal Greta Thunberg anschauen! Ohne Partei im Rücken, nur mit Demonstrationen und einem Plakat, habe sie sehr viel erreicht: „Denken Sie an mich, wenn der Tag da ist!“

Gelächter, Applaus.

Auch im Schlussteil seines Buchs macht Steingart politische Vorschläge, Greta ist nicht dabei. So will er etwa bei der Lohnzahlung nur noch die Arbeitslosenversicherung, so wie bisher, direkt abführen lassen. Dann hätte jeder Arbeitnehmer im Durchschnitt 1000 Euro mehr im Monat zur Verfügung. Die Beiträge für Renten-, Kranken-und Pflegeversicherung sollten offenbar auf dem Kapitalmarkt zwecks Rendite angelegt werden. Als der Autor jüngst seine Disruptionen in einer „Stern“-Ttitelgeschichte darlegte, schrieb der „Capital“-Chefredakteur ein langes Gegenstück zur Tragfähigkeit des Ganzen.

Hat ihn das geärgert? Nein, sagt Steingart, das sei verabredet gewesen. Er selbst entwickle keine fertigen Konzepte, sondern erst einmal Ideen, danach müssten jüngere Experten ran: „Einst dachten die Leute ja auch, das Telefon müsse immer mit der Buchse verbunden sein, ehe dann einer sagte: Das geht drahtlos. Dieser Ideengeber hatte dabei auch nicht alles bedacht. Die Gesellschaft, die sich generell weigert, über wirklich Neues nachzudenken, kann auch gleich bei Pferdekutsche und Schnurtelefon bleiben.“

Dass es dem Land nicht an innotiven Ideen, sondern an innovativen Produkten fehlt, weil sie eher durch Heuhaufen von Venture-Capital in den USA als in Europa zu Erfolgen werden, spielt in Steingarts „Systemversagen“ so gut wie keine Rolle.

Und es bleibt die Grundfrage bestehen, wie sich Deutschland, drittgrößte Volkswirtschaft der Welt, künftig im verschärften geopolitischen Wettbewerb gegen die USA und China behaupten kann, wenn bei den Konkurrenten der Staat – so wie es geschieht – massiv die Privatwirtschaft unterstützt. Solches Co-Management geschieht auch in einem Umfeld, das von der Bundesrepublik immer mehr Geld für Rüstung und Infrastruktur fordert.

Steingart setzt dagegen einen radikal neuen Politikansatz, den er nicht im Buch, wohl aber im Gespräch näher ausführt, und der vermutlich den freisinnigen Peter Sloterdijk und Christian Lindner gut gefallen würde, die groß auf Fotoporträts in der „Pioneer“-Zentrale in Berlin-Charlottenburg zu sehen sind – vielleicht auch Lindners Finanzminister-Nachfolger Jörg Kukies (SPD), der von Goldman Sachs kam.

„Das Land ist superreich und hat sehr viele Assets. Warum verkauft der Staat nicht einmal etwas? Also Häuser, Grund und Boden, Bahngleise, Schulen, Universitäten, Firmenbeteiligungen. Über einen Fonds könnte man so auf dem Kapitalmarkt Billionen Euro mobilisieren. Bevor man über ,Blut, Schweiß und Tränen‘ redet, dem Mütterchen einen Teil der Rente wegnimmt und die Republik so zum AfD-Land macht, sollte man privatisieren und restrukturieren. Das ist machbar. Wenn Friedrich Merz Freunde hat, dann auf dem Kapitalmarkt. Über eine Aktivierung des Kapitalmarkts könnte man den Faktor Arbeit entlasten.“

Nach diesem Modell Deutschland kann ein Staat saniert werden wie eine Firma. Muss ein Kanzler CEO sein. Können dafür Gelder von Finanzfirmen wie dem 13,5-Billionen-Dollar-Giganten Blackrock gewonnen werden, dessen Deutschland-Tochter Merz als Aufsichtsratschef gedient hat.

Die Frage ist aber, Gabor Steingart: Unter welchem Zwang steht die Politik?

„Wenn die Politik nichts ändert, verliert sie die Macht. In den USA oder Italien regiert, wenn man so will, bereits die AfD – in Gestalt von Donald Trump und Giorgia Meloni. Es gibt einerseits die ökonomische Peitsche, das sind die harten Fakten. Es gibt aber auch eine politische Peitsche: Die Leute machen es in einer Demokratie nicht mehr mit. Da kann man der Politik nur raten: Wartet nicht bis zur letzten Runde, probiert etwas anderes!“

Wer hat eigentlich am meisten versagt, nur die Politik? Vielleicht auch die Wirtschaft?

„Vor allem die politische Elite, auch wenn die Wirtschaft vielleicht mehr hätte erfinden können. Andererseits sehen wir anhand der hohen Börsenkurse, dass viele heimische Konzerne von dem Niedergang nicht betroffen sind. Sie wissen, wie man Gewinne macht, sind ins Ausland gegangen und nutzen die dort funktionierenden Systeme. Insofern ist die Politik sehr einsam.“

An einer Stelle im Buch schreibt er, Wirtschaftsgrößen seien „unnachgiebig, wenn es ums Geschäft geht, und hurenhaft im Umgang mit den politisch Mächtigen…“. Man darf dabei erwähnen, dass Wirtschaft mit Lobbyisten Einfluss nimmt und Angela Merkel billiges russisches Gas auf Einflüsterungen von Konzernen wie Eon oder BASF hin organisiert hat. Am Ende steckt die Politik die Prügel ein, die CEOs verdient hätten.

Die Generalthese vom großen „Systemversagen“ verdeckt im Übrigen, dass sich das System sehr wohl bewegt. Da sind Unternehmer wie Dieter Schwarz (Lidl, Kaufland), der reichste Deutsche, der eine eigene Cloud hochziehen und in Künstliche Intelligenz investieren lässt, da sind neue Defense-Tech-Firmen wie Helsing, die viel Kapital anziehen, da sind Ausgründungen aus Universitäten, die bundesweit erfolgreich Cluster („Startup-Factories“) bilden.

Ist die Lage in Wahrheit nicht viel besser als dargestellt? „Wenn jemand zum Arzt geht, lobt der nicht die Füße und das faltenlose Gesicht des Patienten, sondern spricht konkret die Krebs-Diagnose an – und überweist ins Krankenhaus“, kontert Steingart: „Die neue Cloud von Schwarz Digits oder die Drohnen von Helsing sind super, unbedingt lobenswert, aber für die gesamte Volkswirtschaft nicht systemrelevant.“ Der Abstand zu den USA und China sei zu groß geworden, „nicht jede Schwalbe macht schon einen Sommer“.

Bei aller ätzenden Kritik, die der Autor gegen die EU-Kommission in Brüssel aufbietet („sozialistisch“), preist er doch die „europäische Idee“ und will, dass wir „deutsche Europäer“ werden. Sein Traumbild: Europas Top-Entscheider für drei Tage in ein Restaurant einzusperren. „Wenn sie dann beschlössen, die Sozialsysteme zu ändern, die Kapitalmärkte zu fusionieren und die Industrien zur Kooperation zu bringen, würden sich die anderen auf der Welt die Augen reiben. Deswegen ist für mich klar: Deutschland ist nicht verloren oder schafft sich ab.“

Die Apokalypse fällt also aus, trotz aller Defekte und Infekte, und Gabor Steingart rät am Ende des Buches den anderen Medien und Journalisten, moralisch abzurüsten und vom Aktivismus zu lassen: „Entpört Euch“. Mit ähnlichen Ratschlägen hatte er sich schon vorher in der Branche wenig Freunde gemacht. Wenn man im „Systemversagen“ blättert, fällt dann doch eine wenig gelassene Passage über den SPD-Has-been Martin Schulz auf. Der Chef der Friedrich-Ebert-Stiftung wird als „rhetorisch begabter Einfaltspinsel“ vorgeführt, dessen Sorge nicht dem Rentensystem, sondern dem „Mittagsschlaf“ gelte. Klingt irgendwie ziemlich empört.

Steingart ficht solche Kritik nicht an: „Ich bin ein Freund deutlicher Aussprache und wünschte, manchmal zu übertreiben. Aber ich beschreibe nur. Empörung habe ich hinter mir gelassen. Das ist heute eine Spezialität der AfD.“

Noch einmal zurück aufs Boot: Es steuert inzwischen der Anlegestelle entgegen. Es sei ja bald Weihnachten, erlärt Gabor Steingart zum Schluss auf der Bühne. Für alle, die an einem guten Sachbuch interessiert, habe er etwas. Man könne natürlich auch in die „Märchen-Abteilung“ einer Buchhandlung gehen und „Freiheit“ von Angela Merkel kaufen – von jener Frau, mit der er tatsächlich 2005 im Kanzleramt, begleitet von Springer-Chef Mathias Döpfner und anderen, konkret über Reformwege diskutiert hatte. Es war das erste und letzte Gespräch dieser Art. Man ging zum Leerlauf über.

Die Gäste an diesem Berliner Abend kaufen Gabor Steingart den Hausslogan „100 % Jornalismus. Keine Märchen“ ab – und sein Buch dazu. Als der Letzte von Bord gegangen ist, macht er sich, so wie immer, an die Redigierarbeit fürs „Pioneer Briefing“ am nächsten Morgen. Das Schiff fährt unterdessen von der Anlagestelle nahe dem Bundeskanzleramt zum Nachtliegeplatz im Berliner Westhafen.

In der denkmalgeschützten Lagerhalle gegenüber lädt „Media Pioneer“ zum jährlichen Gipfel der Familienunternehmer, man würde hier künftig gern mehr machen. Die Chefs der Ampelkoalition selig hatten einst, im November 2021, an diesem Platz sehr breitbeinig ihren Koalitionsvertrag vorgestellt. Man fabulierte damals pausenlos vom „Fortschritt“ und endete doch vorzeitig als Pannenregierung.

Anders gesagt: Man war mit Schwung und Deutschland-Badehosen in ein Becken ohne Wasser gesprungen. Auch das gibt es.