Es gibt Dinge, die man sich schon lange vorgenommen hat und unbedingt noch regeln will. Themen, zu denen die eigenen Kinder bohrende Fragen stellen. Beim Münchener „Bunte“-Verleger Hubert Burda, 86, gehört dazu, besonders dringlich, eine leidige Familiensache: das seiner Meinung nach ungerechtfertigte asymmetrische Bild der eigenen Eltern in der Öffentlichkeit zu korrigieren.
Und da gibt es zweifellos einen großen Kontrast: Während Mutter Aenne Burda früh im Wirtschaftswunderland als taffe, emanzipierte Frau gefeiert wurde, die einen Verlag für Schnittmusterbögen („Burda Moden“) in alle Welt setzte und sich von Giovanni aus Sizilien begleiten ließ, litt das Image von Vater Franz erkennbar unter einer gewissen Braunfärbung. Der Buchdrucker und promovierte Volkswirt, acht Jahre lang NSDAP-Mitglied, hatte im „Dritten Reich“ sehr gute Geschäfte gemacht und von der „Arisierung“ einer jüdischen Großdruckerei profitiert. Bei Wikipedia wird er schlicht als „Nationalsozialist“ geführt.
In solchen Konstellationen beauftragen deutsche Familienunternehmen, deren Vermögen sich in der NS-Diktatur auffällig vermehrt hat, gerne renommierte Historiker. Und so war es auch diesmal: Der überaus liberale Hubert Burda brachte zusammen mit seinen Kindern Jacob und Elisabeth eine kleine Historikerkommission zur näheren Forscher-Arbeit. „Der Mann fürs Bunte“ heißt programmatisch die jetzt erschienene Biografie, in der Norbert Frei, Tim Scharnetzky und Sybille Steinacher mit akribischer Präzision einen durch und durch sanguinischen Charakter schildern, autoritär und lustig, narzisstisch und großherzig. Alles sehr bunt eben, aber unterm Strich doch kein „Mann fürs Braune“. So jedenfalls das Fazit. Man kann das so sehen, muss es aber nicht.
Dieser Franz Burda, der in jungen Jahren die kleine Offenburger Druckerei seines Vaters, des 1929 früh verstorbenen Franz Josef Burda, übernommen hatte, expandierte rasch durch innovative Druckverfahren sowie die Radiozeitschrift „Sürag“. Sie begleitete von Anfang an ein populäres neues Medium, das Bertolt Brecht noch als Kommunikationsmittel der Demokratie sah, das von Joseph Goebbels aber rasch als ideales Propaganda-Instrument begriffen wurde. Nazis waren nach März 1933 oft auf „Sürag“-Titelbildern zu sehen; die Zeitschrift konnte sogar im Krieg noch lange Zeit erscheinen, bis August 1944. Nach Kriegsende machte Franz Burda II. im Rundfunkgenre mit „Bild + Funk“ weiter, vor allem aber mit dem 1948 lizenzierten Bilderblatt „Das Ufer“, woraus die „Bunte Illustrierte“ wurde, die es mit Klatsch und Tratsch und Bildbänden an die Spitze brachte.1970 verkaufte sie rund 1,8 Millionen Hefte, mehr als der „Stern“.
Von Gewerkschaften und Mitbestimmung hielt der erfolgreiche „Betriebsführer“, wie seine Biografen Burda nennen, recht wenig. Als es im April 1976 zum Arbeitskampf in der Druckindustrie kam, verordnete er zwei Tage Betriebsruhe: Man reinigte Maschinen, strich Hallenwände neu und lud die „Burdianer“ zur Schwarzwald-Wanderung hoch zum Holdereck, wo die komplette Belegschaft badisch tüchtig feierte (1500 Liter Bier, 1000 Flaschen Wein, 5000 Würste). „Bei Burda ist alles anders“, schrieb der Eigentümer, seit 1950 Senator ehrenhalber, in seinen unveröffentlichten Memoiren. Dort wird die Holdereck-Anekdote als stilprägend bezeichnet. Es sei, so der Patron, „daraus das soziale Vermächtnis abzulesen, das ich meinen Söhnen zur Pflicht mache“.
Am Stammsitz Offenburg agierte dieser Franz Burda wie ein kleiner König; kein Wunder, dass sich der 25 Jahre lang regierende christdemokratische Bürgermeister ein Burda-Foto an die Büro-Wand hängte. Der geltungssüchtige Großverleger, den die kühlere Konkurrenz aus dem Norden wahlweise „Schwarzwald-Springerle“ oder „Rheumadecken-Verleger“ nannte, suchte mit Verve allergrößte Nähe zu den Allergrößten der Welt. Dem dienten ausgedehnte Jagden – etwa mit Franz Josef Strauß oder Berthold Beitz von Krupp – genauso wie das Sponsoring von Kunstpreisen, der glitzernde „Ball paré“ oder die alljährliche Verleihung der „Bambis“ für die Stars der Film- und Fernsehbranche, wenn sich Romy Schneider, Omar Sharif, Udo Jürgens, Uschi Glas oder wie sie alle heißen zum Stelldichein einfanden.
Frühes Ungemach in der Familie verhinderte der Sanguiniker an der Spitze, indem er seiner Frau Aenne jenen Modeverlag überschrieb, den er eigentlich für die Dauergeliebte Elfriede („Effi“) Breuer eingerichtet hatte, mit der er die Tochter Renate hatte. Aenne Burda war hinter die Affäre gekommen und hatte mit Scheidung gedroht. In dieser Ehe konkurrierte man fortan verlegerisch, hielt sich ansonsten aber auf sicherer Halbdistanz.
Was aber ist nun mit den alten Nazi-Vorwürfen? War Franz Burda zu weit gegangen?
Historiker Frei und Kollegen schildern einen emsigen Aufsteiger, der sich vor 1933 keinesfalls für die Hitlerei begeistert habe. Dass sich die „Sürag“ nach der NS-Ermächtigung rasch judenfrei meldete und Franz Burda vom 6. September 1933 bis 1937 beim Nationalsozialistischen Kraftfahrkorps (NSKK) als Vergnügungsreferent mitmachte, gehört in dieser Diktion zu den zwangsläufigen Anpassungen, denen sich ein Unternehmer in jener Dunkelphase deutscher Geschichte unterwerfen musste. Das gilt auch für Parteimitgliedschaft vom 1. Mai 1937 an, nachdem die Aufnahmesperre in der NSDAP beendet war (falsch war, wie Franz Burda später bei der Entnazifizierung deklarierte, der 1. Oktober 1938 als Eintrittsdatum). Im Krieg produzierte der so wendige Patron für die Wehrmacht Landkarten, nach 1945 dann für die französische Armee. Ein solcher Drucker wurde eben immer gebraucht.
Moralisch verwerflich halten die Biografen, wie Franz Burda 1938 zusammen mit dem vermögenden Jagdfreund Karl Fritz (einem strammen Nazi, der die Parteizeitung „Der Führer“ druckte) beim Griff nach einer großen Mannheimer Druckerei den Besitzern – den drei jüdischen Brüdern Reiss – immer bessere Konditionen abpressten. Die zunächst ausgehandelten 754.000 Reichsmark waren schon sehr günstig; nicht einmal die Hälfte war sofort und in bar zu zahlen. Später wurde unentwegt, unter Zuhilfenahme des zuständigen Ministeriums, um weitere Preisnachlässe mit der Familie Reiss gefeilscht, die nach den NS-Gesetzen verkaufen musste und zurecht um ihr Leben fürchtete. Am Ende lag der Gesamtkaufpreis bei nur noch 453.000 Mark, 60 Prozent der verabredeten, ohnehin viel zu niedrig angesetzten Summe, wie Frei & Co. gallig anmerken. Auch wenn Burda – der 1942 dank Nazi-Kumpel Fritz in die wichtige Wirtschaftsgruppe Druck Baden-Elsass berufen wurde – die Notlage der jüdischen Verkäufer nicht übermäßig ausgenutzt habe, so sei er sich doch völlig im Klaren gewesen, dass die Causa „gegen kaufmännische Ehrbegriffe verstieß“.
Familie Burda zog nach dem anrüchigen Deal nach Heidelberg, wo Nesthäkchen Hubert geboren wurde; man wollte näher beim Geschehen sein. Nach dem Krieg entschädigte Franz Burda dann den einzigen Überlebenden der jüdischen Brüder, Berthold Reiss (1951 gestorben), sowie einen weiteren Erben großzügig mit insgesamt mehreren Hunderttausend D-Mark. Reiss hatte sich zunächst bei den Besatzern in Sachen Arisierung noch beklagt, die einst im Vertrag festgeschriebenen Kosten seien nach elf Monaten „gewaltsam“ gesenkt und die Maschinen von Mannheim nach Lahr nahe Offenburg gebracht worden. Nach der Einigung über die Wiedergutmachung bescheinigte der Alt-Eigentümer aber, Burda habe „bei Vollzug der Arisierung keinen Druck ausgeübt“ und sich „stets loyal und korrekt verhalten“. Fortan pflegten die beiden Familien Freundschaft.
Merkwürdig mutet an, wie sehr sich Franz Burda Ende der 1950er-Jahre in seiner „Bunten“ für den Offenburger Studienrat Ludwig Zind einsetzte, der seinen Job verlor, weil er unter Alkoholeinfluss einem jüdischen KZ-Überlebenden vordoziert hatte, wie richtig die Vergasung der Juden und die ganze NS-Konzeption doch gewesen seien. Burda verfolgte im Gerichtssaal den folgenden Prozess gegen seinen Jagdfreund und zeigte publizistisch Unverständnis, wie vor allem der „Spiegel“ die antisemitischen Tiraden kritisiert hatte. Aus einer „typischen Kleinstadt-Stammtischaffäre“ sei eine „Weltsensation mit hochpolitischem Einschlag“ geworden. Zind, der auch schon bei Burda gearbeitet hatte, wurde zu einem Jahr Haft verurteilt und setzte sich später zeitweilig ins Ausland ab.
Insgesamt übernehmen die drei Biografen die 2002 von Hubert Burda in langen Gesprächen mit dem Autoren Peter Köpf („Die Burdas“) vermittelte Sichtweise, wonach der Vater in der NS-Zeit zwangsweise opportunistisch gehandelt habe, um den Betrieb zu erhalten: „Mein Vater wäre möglicherweise in den Nationalsozialismus hineingetaumelt – aber nicht, weil er ein Nazi war, sondern weil er sich als Unternehmer gute Chancen ausgerechnet hat.“ Die Mutter Aenne aber hätte erkannt, dass die Nationalsozialisten „alles Kriminelle“ waren. Köpf stufte den „Senator“ dennoch als „Mittäter“ ein: „Burda baute mit am Deutschen Reich.“ Sohn Hubert hielt das für eine manipulierte Recherche. Der Burda-Biografin Gisela Maria Freisinger („Der Medienfürst“) gegenüber legte er die Linie fest: „Er war kein Nazi, er war ein Karrierist, also sicherlich ein Mitläufer.“
Die Burda-Historiker urteilen nun, Franz Burda habe – so wie Millionen andere Deutsche auch – irgendwann nach 1933 das opportunistische Bedürfnis verspürt, NSDAP-Mitglied zu werden; das aber mache in Kenntnis seiner Biografie die Etikettierung als „Nationalsozialist“ noch nicht plausibel. Es spräche wenig dafür, „in ihm einen ideologisch überzeugten Anhänger oder gar Protagonisten des Nationalsozialismus zu sehen“, vielmehr handele es sich um „ein nicht sehr politisches Naturell“: Hier sei einer gewesen, „der gerne feierte und der geliebt werden wollte“. Ein „politisch-moralisch schweres Versagen“ habe er sich jedoch mit der Arisierung der Druckerei der Familie Reiss erlaubt. Das Erstaunliche an diesem „eklatanten Unrecht“ sei die ungewöhnliche Nachgeschichte gewesen, bei der Franz Burda nicht nur einen finanziellen Ausgleich mit der geschädigten jüdischen Familie fand, sondern sogar eine herzliche Verbindung knüpfte. Einmal mehr habe sich sein Talent gezeigt, Menschen für sich einzunehmen – „mit einer geradezu niederwalzenden Bonhomie, die ihm über politische Systemwechsel genauso hinweghalf wie über Konflikte im Betrieb oder über Vertrauensbrüche innerhalb der eigenen Familie“.
Einen „notorischen Nazi“ hätten Franz Burda nach 1945 in erster Linie nur jene französischen Besatzungsoffiziere genannt, die einen sozialistischen Umbau von Wirtschaft und Gesellschaft erwogen hätten. Kurzzeitig hatte Burda sogar nicht mehr über Betrieb und Bankkonten verfügen können. 1949 wurde er schließlich von der Freiburger Spruchkammer als „Mitläufer“ entnazifiziert.
Sein um späte historische Klärung so bemühter Sohn Hubert Burda, ein promovierter Kunsthistoriker, hat nach dem Tod des Senators im Jahr 1986 im Zuge einer „Realteilung“ das Verlagsgeschäft geerbt; die auf Druck- und Finanzgeschäfte spezialisierten Brüder-Rivalen Franz und Frieder erhielten diversen Beteiligungen, die sie rasch versilberten. Dazu gehörten Druckereien, ein Papierbetrieb, Vertriebsfirmen sowie auch 24,9 Prozent am Axel Springer Verlag, mit dem man einst gemeinsam bürgerlich-konservative Stabilität gewährleisten wollte.
Als Chefredakteur der „Bunten“ hatte Hubert Burda, der „Ambitionierteste im Clan“ (so die Biografen), einst den Regierungswechsel auf Helmut Kohl (CDU) 1982/83 plakativ mit Überschriften wie „GESCHAFFT“ oder „Auf geht‘s“ abgefeiert. Dass Frei & Co. konstatieren, der seit mehr als 40 Jahren in München arbeitende Sohn sei ebenso wie sein Vater (Pseudonym: „F.P. Funk“) kein Autor gewesen, dürfte dem fleißigen Verfasser von Büchern weniger gefallen. Ansonsten kann er mit dem wissenschaftlich gereichten „Kessel Buntes“ in eigener Sache wohl gut leben.
Vermutlich besser jedenfalls als mit der Lage im eigenen Familienunternehmen, wo die Geschäfte deutlich schlechter laufen als gewohnt. Selbst der „Bambi“, einst Senators Liebstes, muss 2026 aus wirtschaftlichen Gründen ausfallen. Mit der aktuellen Historiker-Studie in der Hand jedoch können die strapazierten Jungverleger Jacob Burda und Elisabeth Burda Furtwängler, wenn sie denn wollen, jedem erklären: „Unser Opa war kein Nazi.“

