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Meine gesammelten Werke: Wie ich die Lage gesehen habe.

Eine neue Biografie beleuchtet die vielen Seiten des „Spiegel“-Gründers Rudolf Augstein – als Quelle diente erstmals dessen Privatarchiv

Süddeutsche Zeitung, 24.09.26

Guter Schnaps, schlechter Whisky

Eine neue Biografie beleuchtet die vielen Seiten des „Spiegel“-Gründers Rudolf Augstein – als Quelle diente erstmals dessen Privatarchiv

Süddeutsche Zeitung, 24.09.26

Was kann es Größeres geben, als „Journalist des Jahrhunderts“ zu sein? Rudolf Augstein, im Inflationsjahr 1923 geboren, fiel diese Ehre zu. Das Fachorgan „Medium Magazin“ erhob auf diese Art im Jahr 2000 den Gründer des Nachrichtenmagazins „Der Spiegel“, das nach dem Krieg zunächst mit Gnade, Güte und Lizenz der britischen Alliierten entstanden war.

Und tatsächlich: Die Essays, Titelgeschichten, Kommentare und Gespräche Augsteins festigten über viele Jahre das selbst entworfene Bild vom „Sturmgeschütz der Demokratie“. Der oberste Kanonier wurde zur Legende, zum Branchen-Heros, zum Symbol der Aufklärung.

Ein etwas anderes, intimes, widersprüchliches Bild zeichnet eine neue Augstein-Biografie, deren Autoren erstmals die 1850 Aktenordner im Privatarchiv des schillernden Verleger-Journalisten vollumfänglich nutzen konnten. Und so porträtieren Martin Doerry und Hauke Janssen, beide selbst viele Jahre aktiv im „Spiegel“ gewesen, immer wieder einen verletzten, reizbaren Mann, der – bei allen Verdiensten – auch Süchte kultivierte, der erkennbar unter Kriegserlebnissen in zweieinhalb Jahren Ostfront litt, der alle Formen des Machiavellismus liebte, bei Frauen unter Eroberungszwang litt und der doch in seinem publizistisch und ökonomisch prosperierenden Haus unentwegt Fluchtwege suchte, mal in neue Medienprojekte, mal in die Politik. Irgendwann erschien sein Geschöpf „Spiegel“ größer als er selbst.

Fast ein Vierteljahrhundert nach dem Tod der Napoleon-Gestalt – der selbst gerätselt hatte, was wohl aus Napoleon geworden wäre, wenn er nicht 1,52, sondern 1,92 Meter groß gewesen wäre – geben die ausgebreiteten Dokumente ein buntes, fragiles Leben wieder, jenseits der Maßstäbe üblicher Zierdeckchen-Bürgerlichkeit. Sein Denken habe immer um ihn selbst gekreist, urteilen seine Biografen, die sich in einer langen Reihe von Augstein-Deutern eingruppiert haben. Nach den NS-Zwängen in seiner Jugend war demnach das Bedürfnis nach individueller Freiheit riesengroß; harmonisch mit anderen zu leben, tauchte da weniger auf. Man spüre in seiner Gegenwart einen „Abgrund“, befand Philosoph Karl Jaspers.

„Piekfein sind wir nicht“, hatte Augstein selbst einmal in den 1960er-Jahren verkündet. Eigentlich hat der Mann, der laut Geburtsurkunde „Karl Rudolf“ und nicht „Rudolf Karl“ hieß, wie es in seinen Ausweisen steht, immer unter enormen Druck gestanden. Anfang der 1970er Jahre, auf dem Höhepunkt seiner Karriere, war dies in besonderem Maße zu spüren: Die Linken im „Spiegel“-Haus begehrten zeittypisch auf und forderten Mitbestimmung, der Start der von ihm herbeigesehnten sozialliberalen Koalition wollte richtig intoniert werden, die eigene Ehe – die dritte von insgesamt fünf – war endgültig „on the rocks“.

Eine Lage, wie geschaffen für „König Alkohol“. So schrieb Augstein am 19. Dezember 1969 dem neuen Bundesinnenminister, seinem FDP-Parteifreund Hans-Dietrich Genscher, am Abend zuvor habe man ihm „zu viel guten, klaren Schnaps eingeschenkt“, den „er nicht mehr gewöhnt“ sei und der „alle Hemmungen schonungslos beseitigt“ habe. Elf Monate später entschuldigte sich Augstein persönlich bei Bundespräsident Gustav Heinemann, dass er beim Bonner Presseball am 6. November 1970 „vor der Zeit“ aufgestanden sei, „da sich in meinem Kopf Mühlräder drehten“; schon die Begrüßung der Präsidentengattin Hilde sei ja „schwankend“ ausgefallen. Grund: Am Tisch von Bundeskanzler Willy Brandt sei ihm ein „abscheulicher Whisky“ gereicht worden. In einem weiteren Brief an Frau Heinemann thematisierte er, neben ihr sitzend eingeschlafen zu sein. Gleichwohl könne er sich nicht entschuldigen, da er nur wenig getrunken habe (seit 18 Uhr ¼ Liter Bier, ein Glas Rotwein und das bewusste Glas Whisky am Kanzlertisch, nach dessen Genuss sei auch seiner Begleiterin „mordsschlecht“ gewesen).

Mal war es der gute Schnaps, mal der schlechte Whisky: „Augsteins Ausfälle ließen sich nun nicht mehr verheimlichen“, schreiben Doerry/Janssen. Und vermerken, schon sein Urgroßvater und Großvater sowie in Ansätzen auch sein Vater (allesamt Besitzer einer Weinhandlung in Bingen) hätten ihre Gesundheit mit Alkohol ruiniert. Ein Mediziner diagnostizierte im Februar 1971 bei Augstein eine „reaktive-depressive Verstimmung“ und empfahl „zur Entspannung Alkohol in mäßigen Dosen“, alternativ Valium. An der Lust zu Alkoholika änderte sich nichts. 1978 offenbarte Augstein im „Playboy“, er trinke „mäßig, aber regelmäßig – etwa sechs Flaschen Bier pro Tag“. Das war wohl noch geflunkert. Später mussten regelmäßige Entziehungskuren helfen. Mit der Trinkerei hörte Augstein erst 1999 auf, als er lebensgefährlich erkrankt war.

Dass der Publizist, der Geld als Gesellschafter (sehr viel), als Herausgeber (stattlich) und als Chefredakteur (immer noch bemerkenswert) verdiente, zeitlebens der Idee anhing, auch kühnste Träume wahrzumachen, zieht sich wie ein roter seidener Faden durch seine Biografie. Den Eltern hatte er Ende 1941 brieflich versichert: „Ich werde die Welt aufhorchen machen und der erste Augstein im Lexikon sein.“ Schon in jungen Jahren verfasste der Hochbegabte ein Opernlibretto oder 150 Gedichte („O Gott, ich habe das Große gewollt“), unentwegt schrieb er Notizbücher voll. Und doch scheiterte Augstein 1947 mit seinem Theaterstück „Die Zeit ist nah“. Nah war hier nur die Blamage, nach drei Aufführungen in Hannover wurde das Werk auf Nimmerwiedersehen abgesetzt und – für Augstein noch viel schlimmer – im eigenen „Spiegel“ regelrecht verrissen. Der Autor hatte also viel zu kompensieren und landete tatsächlich später mit seinen Büchern „Preußens Friedrich und die Deutschen“ (1968) und „Jesus Menschensohn“ (1972) Bestseller-Erfolge. Er war nun doch Schriftsteller, die „Spiegel“-Crew hatte geholfen.

Davon, in den Bundestag nach Bonn einzuziehen, hatte Augstein bereits 1957 und 1969 geträumt, 1972 war es so weit. Bei einem Besuch im österreichischen Ferienhaus von FDP-Chef Walter Scheel erfuhr Chefredakteur Günter Gaus auf einmal von dem kühnen Plan – und dass sein Arbeitgeber den Posten von Fraktionschef Wolfgang Mischnick gleich mit übernehmen wolle. Scheel sagte nur: „Das kriegen wir schon hin.“ Tatsächlich gelang es Augstein, sich im Wahlkreis Paderborn/Rheda-Wiedenbrück gegen den CDU-Granden Rainer Barzel aufstellen zu lassen – wofür er reichlich zahlen musste, wie sich jetzt herausstellt.

Der Agnostiker aus Hamburg, der da im gläubigen Ostwestfalen einfiel, rekapitulierte selbst im Juni 1973: „Ich sagte zu, DM 100.000 zur Verfügung zu stellen, das heißt für den Fall, dass keinerlei Steuerabzugsfähigkeit möglich sei.“ Just dieser Fall aber trat ein, wodurch sich Augsteins Obolus auf 220.000 Deutsch-Mark erhöhte: 100.000 für die Gesellschaft für Europäische Wirtschaftspolitik, 50.000 für den Internationalen Wirtschaftsklub, 70.000 für die Gesellschaft für Politikberatung. All diese Firmen dienten jedoch der illegalen Parteienfinanzierung, wie in den 1980er-Jahren bekannt wurde – auch durch Enthüllungen des „Spiegel“, der dafür allerdings etwas länger als geplant brauchte. Als es im Parteienskandal gegen den liberalen Bundeswirtschaftsminister Otto Graf Lambsdorff ging, wollten die „Spiegel“-Redakteure ihrem Chef wegen dessen FDP-Parteibuch ihre Quellen nicht offenlegen; daraufhin blockierte Augstein erst mal die Berichterstattung. Er habe „die Sache mit dem Grafen Otto zur Geschäftsführerangelegenheit erklärt“, sie sei damit „unter Kontrolle“, meldete er im Juni 1981 ausweislich des Privatarchivs treu dem FDP-Chef Genscher. Monate später musste Augstein – intern unter Druck gesetzt – seinem Magazin das Berichten doch erlauben. 1982 ermittelte die Staatsanwaltschaft in der Parteispendensache sogar gegen Augstein, das Verfahren zerschlug sich am Ende. Öffentlich griff er zur Notlüge, guten Glaubens gewesen zu sein. Was als Größenwahn begann, endete mit Interessenskollision.

„Im Grunde hatte Augstein seine Kandidatur gekauft“, bilanzieren Doerry/Janssen. Und zwar, wie sich herausstellt, anfangs nicht aus der Privatschatulle, sondern aus der Kasse des „Spiegel“-Verlags. Die anfallenden „Wahlkampfkosten“ seien künftig eindeutig dem „Verrechnungskonto Augstein“ zuzuordnen, verfügte der zuständige Verlagsleiter. Und es fielen im Wahlkampf – für ein fünfköpfiges Team, Charterflüge, drei Autos, etliche Veranstaltungen – rund eine halbe Million Mark an. Die FDP sei es in seinen Augen wert, „um ihretwillen die gewiss nicht unwichtige Herausgeber-Tätigkeit im Spiegel aufzugeben“, hatte Augstein einst eitel und hochgemut verkündet – und musste erleben, dass er nach Einzug in den Bundestag flugs zum Hinterbänkler wurde. Von wegen Fraktionsführung. Nach wenigen Wochen kehrte Augstein („Ich war erledigt“) zurück in seine Machthöhle beim „Spiegel“.

Seine immer wieder praktizierte und demonstrierte Unabhängigkeit, der Drang, sich wie in der „Spiegel“-Affäre 1962 mit Obrigkeiten anzulegen, seine prinzipielle Unberechenbarkeit, sein Humor, sowie der fast unstillbare Wunsch des Nicht-Studierten, intellektuell zuzulegen, machten ihn für eine wachsende Lesergemeinde attraktiv, zumal im weiblichen Teil.

So kam es zu einem heftigen Flirt mit der Düsseldorfer Finanzbeamtin Etta Eckel, die ihn für eine Israel-Reportage lobte: Das Stück zeige „ungewohnt viel über den Menschen R., für den ich mich begeistere und den ich liebe“. Nach Zurückweisung durch Augstein heiratete sie den SPD-Politiker Karl Schiller, der 1972 bis zu seinem Rücktritt vor der Bundestagswahl „Superminister“ für Finanzen und Wirtschaft war, und der mit Unterstützung seiner Frau an einen Übertritt zur CDU dachte. Die „Spiegel“-Redaktion schilderte diese Etta Schiller in einer Titelstory („Entscheidet eine Frau die Wahlen?“) als „unzufriedene Superfrau“, der befangene Augstein war da gnädiger. Unter dem selten genutzten Pseudonym „Patricia Longford“ („Moritz Pfeil“ und „Jens Daniel“ waren da häufiger) kommentierte er: „Vielleicht ist sie ein Opfer der Männergesellschaft, in der Frauen wie sie gelitten, aber nicht wohlgelitten werden.“ Etta Schiller sei „selbstbewusst, weil unabhängig“.

Karl Schiller blieb im Übrigen für viele Jahre Augsteins ökonomischer Einflüsterer – vor allem im Widerstand gegen eine Europäisierung der Wirtschaft und gegen den Euro. Augstein („Im Zweifel links“) stand in den 1980er-/1990er-Jahren auf einmal gegen den linksliberalen Mainstream. Nun zeigte sich wieder die nationale Grundhaltung des ersten Journalisten des „Spiegel“, der früh nach 1947 für die deutsche Einheit gekämpft hatte und sich selbst „Neutralist“ nannte. Er hatte auch keine Probleme gehabt, in den 1950er-Jahren Journalisten einzustellen, die fanatische Nazis gewesen waren, Leute wie die SS-Hauptsturmführer Horst Mahnke oder Georg Wolff oder den Pressereferenten von Joseph Goebbels. Braune Kronzeugen durften in langen „Spiegel“-Serien Handlungen der Kriminalpolizei oder Gestapo schönfärben. Für Augstein zählte nicht die NS-Verstrickung, sondern Expertise, Schreibkunst und Netzwerk. Für die Details des Holocaust interessierte man sich beim „Spiegel“ erst später.

So einer wie Augstein fremdelte sowohl mit den USA als auch vor allem mit dem Französischem, obwohl er seine französische Urgroßmutter Leonide geliebt hatte und später ein Haus in St. Tropez – gleich neben dem Anwesen von Brigitte Bardot – besaß. Zum Feindbild wurde 1999 der Außenminister Joschka Fischer, als der Grüne für internationale Missionen der Bundeswehr eintrat. Fischer sei vom „einst größten Schimpfmaul gegen den verbrecherischen Krieg der USA in Vietnam“ in seiner „Hybris“ zum blinden Gefolgsmann der Amerikaner geworden, so der Vorwurf: „Er betet nun an, was er immer bekämpft hat, den Kriegskapitalismus.“ Privat hatte er den „lieben Joschka“ vorgewarnt: „Du wärest der zweite wichtige Mann, der in dieser Legislatur seine Partei sicher in den Untergang steuern kann. Lafontaine hat Dir das ja schon vorgemacht.“

Was die Frauen im „Spiegel“ anging, so erging sich Augstein in einen Reigen von Affären, etwa mit der Redakteurin Sophie von Behr, die ihn nach Ende der Beziehung in Emanzipationsfragen beriet. Urlaubsfotos aus Sylt, Sardinien oder Südfrankreich zeigen den „Spiegel“-Chef nackt Arm in Arm mit ebenfalls unbekleideten deutlich jüngeren Mitarbeiterinnen. „Seine Annäherungsversuche galten nicht zuletzt jungen Spiegel-Mitarbeiterinnen und den Partnerinnen seiner Redakteure“, heißt es in der neuen Biografie. Fast jede junge Kollegin habe damit rechnen müssen, angeflirtet zu werden. Entstehende Abhängigkeiten habe der Herausgeber durch Geldgeschenke und Gehaltszahlungen aus der „Spiegel“-Kasse noch verfestigt, etwa durch Überlassung von Immobilien oder von attraktiven Posten in München, Rom, New York, Paris. Im alkoholisierten Zustand habe Augstein Frauen nicht selten mit ordinären Anspielungen provoziert. Zur Frage, warum er sich ein Leben ohne Partnerin schwer vorstellen könne, sagte Augstein 1993 der „Zeit“: „Ich kann doch nicht sagen, dass ich gern ficken möchte, oder möchten Sie das jetzt hören?“

Noch 1975 hatte die Redaktion 134 Mitglieder, aber nur 27 Redakteurinnen. Frauen, so fand Augstein 1954, scheint es in den „seltensten Fällen gegeben zu sein, den harten Tatsachenton der Spiegel zu treffen“. Zwanzig Jahre später fügte er sich dem Zeitgeist und stand kurz davor, die Feministin Alice Schwarzer einzustellen, sagte aber im letzten Moment ab: „Die Redaktion ,verkraftet‘ Sie im Augenblick noch nicht.“ In einem unveröffentlichten Beitrag für Schwarzers „Emma“ schrieb Augstein, dass er als Mann gegen die Revolution der Frauen sei, da sie ihm etwas wegnähmen, als „kluger Mann“ aber überlege man, ob die Revolution unvermeidlich und notwendig sei. Dagegen sträube sich „nur der Narr oder Held“. Augstein war bis zum Schluss vom Männer-Frauenspiel abhängig.

Zeit seines Lebens hatte der „Spiegel“-Chef stets im Zustand eines Rivalitätskampf gelebt, in dem sich die eigene gefühlte Überlegenheit bewähren sollte. Egal, ob es die ersten Mitgesellschafter waren, die Chefredakteure, der legendäre Verlagsdirektor Hans Detlev Becker oder der zeitweilige Geschäftsfreund Gerd Bucerius – alle wurden irgendwann kaltgestellt oder herausgedrängt. Die Grenzen seiner Macht erfuhr Augstein erst, als sich eine nach außen kaum bekannte Gesellschaft namens Mitarbeiter KG mehrmals seinen Ansinnen widersetzte – jene Vertretung des Personals also, der er 1974 im Zeitgeist der Demokratisierung 50 Prozent der Anteile übertragen hatte. Er wollte so dem ewigen Kontrahenten Axel Springer zuvorkommen, der angeblich Ähnliches plante.

Faktisch hatte Augstein damit einen wesentlichen Teil seiner Macht weggegeben. Am Ende konnte er nicht einmal mehr seinen sehnlichen Wunsch verwirklichen, Tochter Franziska oder Sohn Jakob in die Herausgeberschaft zu holen. So sollte Chefredakteur Stefan Aust, den er auch immer wieder mal entlassen wollte, eingehegt werden. Doch Mitgesellschafter Bertelsmann, seit 1971 mit 25 Prozent dabei, versagte sich dem hierzu geäußerten Wunsch, die alten Verträge zu ändern; so fiel mit dem Tod des Gründers im November 2002 der Anteil der Familie – wie früher vereinbart – von 25 Prozent (das war dier Sperrminorität) auf nur noch 24 Prozent. Vergeblich hatte Augstein dem Bertelsmann-Eigner Reinhard Mohn per Brief gedroht: „Ich werde über den Tod hinaus stärker sein als Sie, wenn es um Angelegenheiten unserer Unternehmen geht.“

Über den Tod hinaus ist da gar nichts stärker geworden. Der seit seinen alten „Konkret“-Tagen machtpolitisch gestählte Aust – 2008 wurde auch er dann doch entsorgt – hatte flugs erklärt, es könne künftig keinen neuen Herausgeber mehr geben: „Die Schuhe sind zu groß.“ Dabei blieb es. So fehlt im „Spiegel“ ein intellektuelles Gravitationszentrum. Es reichte nicht einmal für einen ordentlichen Nachruf auf Jürgen Habermas.

2027, so viel ist sicher, wird die Figur Augstein erneut von allen Seiten beleuchtet werden: Der „Spiegel“ wird 80 (am 1. Januar), der Todestag des Alt-Verlegers jährt sich zum 25. Mal (im November). Ihr Vater habe gewusst, hatte Franziska Augstein seinerzeit auf der Trauerfeier im Hamburger „Michel“ erklärt, dass den toten Löwen auch die Hasen an der Mähne zupfen. Und tatsächlich: Das blieb dem „Journalisten des Jahrhunderts“ nicht erspart.