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Meine gesammelten Werke: Wie ich die Lage gesehen habe.

Vermögensverwalter Jens Ehrhardt über intelligentes Geldanlegen, aktuelle Konjunkturgefahren und seine Karriere

Elite-Report, 18.09.26

„Schröpft man den Kunden, ist er weg“

Vermögensverwalter Jens Ehrhardt über intelligentes Geldanlegen, aktuelle Konjunkturgefahren und seine Karriere

Elite-Report, 18.09.26

Herr Ehrhardt, Sie sprechen von derzeit „anspruchsvollen Märkten“, bedingt durch geopolitische Konflikte und ein „KI-Revival“. Was heißt das für die aktuelle Lage Ihres Unternehmens und die Menschen, die ihr Geld bei Ihnen angelegt haben?

Es lief 2026 bisher sehr gut. Aber es war nicht so einfach, wie es die Indices glauben machen. Von der Börse in Deutschland kam so gut wie kein Antrieb, und der Anstieg in Amerika sowie Asien war sehr konzentriert. Die sehr gut laufende Aktie von Taiwan Semiconductor Manufacturing (TSMC) macht 55 Prozent des taiwanesischen Aktienindexes aus. Die südkoreanischen Titel Samsung und SK Hynix sind ebenfalls sehr hoch gewichtet. Nimmt man diese drei Aktien aus dem Emerging Markets Index heraus, sieht es traurig aus.

Was ist das Rezept dagegen? Selbst sehr selektiv vorzugehen?

Ja. Man wusste genau wissen, wo man investiert, konnte aber sehr viel falsch machen. Das gilt auch für den Tech-Markt in den USA. Die vielgelobten „Magnificent Seven“ rund um Nvidia, Apple & Co. haben im Juni 2,2 Billionen Dollar an Marktwert verloren. Einfach nur die Größten zu nehmen, diese Strategie läuft nicht mehr. Selten habe ich erlebt, dass sich die Börse so sehr an den Gewinnen der Firmen orientiert.

An den Börsen ist Big Tech aus den USA eher ein Klumpenrisiko und Geopolitik fast ein tägliches Schlagzeilenrisiko. Welche großen Trends sehen Sie?

Entscheidend ist für mich immer, was die Notenbanken machen. Wenn kein Geld da ist, Aktien zu kaufen, dann steigen sie auch nicht. Und wenn Geld zur Inflationsbekämpfung rausgezogen wird, dann fallen sie. Eine einfache Geschichte. Ich bin schon froh, wenn man die Himmelsrichtung an der Börse richtig bestimmt.

Kevin Warsh, neuer Chef der US-Notenbank Fed, hat eine niedrige Inflation als Hauptziel bezeichnet.

Daraus müsste das klassische Bremsen folgen. So hat es der Notenbank-Chef Paul Volcker in den 1980er-Jahren mit Leitzinsen von bis zu 20 Prozent gehalten. 1936 und 1937 wiederum hatte die Fed nach der Weltwirtschaftskrise den Banken Geld entzogen, indem sie mehr Mindestreserven bei der Fed halten mussten. Das Ergebnis: Erhebliche Rückschläge an der US-Börse. Die Politik des „Quantitative tightening“ ist wahrlich nicht neu.

Das heißt: Sie rechnen mit Zinserhöhungen, die zu schwächeren Aktienkursen führen? Im Mai waren die Preise in den USA immerhin um vier Prozent gestiegen.

Ich fürchte in einer negativen Variante, dass Kevin Warsh Anleihen verkaufen wird und dann die Zinsen steigen. Das wäre keine gute Politik. Denn die Konjunktur in den USA steht nur auf einem Bein, und das ist künstliche Intelligenz. Die Inflation zog zuletzt nur wegen der Ölpreise an, und wegen der nachlassenden Konjunktur werden die Preise ohnehin sinken. Das ist anders als 2022. Damals stiegen parallel Geldmenge, Löhne, Mieten und Immobilienpreise.

Die Europäische Zentralbank (EZB) hat zuletzt die Zinsen leicht auf 2,25 Prozent erhöht.

Dieses Getöse, man müsse jetzt die Inflation bekämpfen, halte ich für falsch. In Frankreich lag sie zuletzt schon bei zwei Prozent, dem Zielwert der EZB. Wenn die Zinsen steigen sollten, läuft die Wirtschaft erst recht nicht. Heute sind wir in sicheren Zeiten als im Jahr 2000. Ich habe keine Angst, dass die nächste Wirtschaftskrise vor der Tür steht. Aber es gibt ein paar Warnsignale. Zum Beispiel, dass die amerikanische Konjunktur ihren Aufschwung riesigen Staatsdefiziten verdankt. Monatlich zahlt der US-Staat inzwischen 88 Milliarden Dollar für Zinsen und bekommt im Schnitt 730 Milliarden vom Steuerzahler. Man wird wohl irgendwann versuchen, die Zinsen künstlich zu begrenzen.

Deutet der KI-Boom auf weitere Wachstumsschübe oder eher auf das drohende Platzen einer Blase?

Rund um KI investiert man in den USA mehr als in irgendeinem früheren Zyklus. Selbst mehr als bei den Eisenbahnen im späten 19. Jahrhundert. Die Hyperscaler wie Microsoft, Alphabet oder Meta Platforms nehmen eine Menge Geld in die Hand. Man sieht derzeit noch nicht, dass dies abbricht.

Am Ende muss sich KI als Geschäftsmodell bewähren. Keiner weiß, ob es dazu kommt.

Zuletzt gingen die KI-Token-Preise zwar zurück, insgesamt aber wird die Branche weiterwachsen. Noch ist KI der Konjunkturmotor. Und bei den Halbleiterproduzenten, wohin das Geld der KI-Anbieter hinfließt, sieht man auch keinen Abbruch. Der Boom könnte im nächsten Jahr, nach einem weiteren Schub, durchaus kippen. Historisch kam in prosperierenden Branchen wie Eisenbahn, Internet, Telefon oder Containerwirtschaft irgendwann die Wende nach unten.

Space X von Elon Musk hat ebenfalls KI im Angebot. Der Börsenneuling ist aber mit einem Kurs-Umsatz-Verhältnis von mehr als 100 weit von jeglicher Rationalität entrückt.

Das ist eine stark überbewertete Aktie. Ich würde sie nicht anfassen. Manche Leute sagen, Space X würde über die Satellitentochter Starlink das Telefongeschäft aufrollen, aber deswegen muss wirklich keiner seine Telefon-Aktien verkaufen. Und Musks Idee, Datencenter wegen der besseren Kühlung im Weltall zu betreiben, ist reine Zukunftsmusik. Bei KI verdient Space X weniger als die Konkurrenz.

Zusammengefasst: Sie kalkulieren kurzfristig eher eine verhaltene, stagnative Börsenentwicklung ein.

Ich wüsste nichts, wo der große Schub herkommen soll, außer von einem Zinsrückgang. Aber der ist, wie gesagt, nicht zu sehen. In dieser Lage haben die Super-Optimisten genauso ausgedient wie die Crash-Propheten. Chancen bestehen bei einigen Tech-Titeln sowie bei Versorgern wie RWE und Eon, die von der Elektrifizierung profitieren und die in Europa bisher börsentechnisch zu wenig geschätzt wurden. Da kommt Fantasie hinein.

Wie beurteilen Sie die Reformanstrengungen der Bundesregierung? Kann das wenigstens ein Befreiungsschlag sein?

Es ist positiv, dass die Regierung da etwas versucht. Insgesamt würde ich mir aber ein bisschen mehr Mut und Anspruch wünschen. Die Interessen von Union und SPD sind eben nicht ganz kongruent. Die letzte gute Steuerreform kam von Gerhard Schröder. Was der einzelne Bürger nun womöglich bei der Steuer spart, geht bei der Sozialversicherung wieder drauf. Und bei Digitalisierung und Entbürokratisierung besteht weiter Handlungsdruck.

Bleibt die Idee des Staats, mit höheren Schulden die Konjunktur ankurbeln.

Das ist die letzte Ass-Karte. Aber es ist viel zu simpel, Geld für Militär auszugeben und sich davon große Impulse zu erhoffen. Die volkswirtschaftlichen Multiplikator-Effekte sind zu gering. Anders ist es bei Investitionen in Infrastruktur. Wenn wir eine neue Brücke bauen, muss der Spediteur nicht mehr so weit fahren und spart so deutlich Kosten. Folglich kann er mehr Geld ausgeben. Im Übrigen: Unseren Platz an der Sonne haben wir uns früher über Haushaltsdisziplin und niedrige Zinsen erkämpft.

Dass künftig ein Teil der Rente der Deutschen direkt in den Kapitalmarkt geht, müsste Ihnen doch gefallen.

Es geht, leider nur mit Trippelschritten, in die richtige Richtung. Gut wäre es, das Modell Schweden zu kopieren.

„Trumponomics“, Rohstoffkonflikte und Kriege in der Ukraine, im Iran und in Gaza – andauernd müssen die Märkte externe Schocks verkraften. Preise ändern sich in großer Schnelligkeit extrem. Viele Anleger sind deshalb stark verunsichert. Welchen Rat geben Sie denen?

Die perfekte Lösung gibt es nie. Wenn man in Ruhe draufschaut, sind Aktien langfristig immer besser gewesen als Anleihen oder Festgeld. Das ist die beste Kapitalmarktanlage. In Zeiten der Überhitzung sollte man jedoch besser nicht investieren. Diesen Zustand haben einige KI-Firmen in den USA bald erreicht. Es ist kein Zufall, dass amerikanische Finanzfirmen derzeit gute Investments in Europa hervorheben. Die Bewertungen sind hier niedriger. Ein Problem sind hierzulande nur die hohen Energiepreise. Die Chinesen machen es besser: mit Kernkraft, Kohle, aber auch viel Solarstrom und fortschrittlichen Batteriespeichern. Das sichert Wettbewerbsfähigkeit.

Wenn man das alles in Betracht zieht, könnten schwere Unwetter und Stürme aufziehen. Sie selbst sind leidenschaftlicher Segler, und Ihre Vorfahren mütterlicherseits waren Schiffsmakler…

…auch Kapitäne. Die haben den Tee mit eigenen Segelschiffen aus Hongkong geholt. Einige Kapitäne der Familie haben mit großen Passagierschiffen ums „Blaue Band“ gekämpft. Von meiner Mutter habe ich zudem das Kaufmännische gelernt. Ihre Vorfahren hatten mal Besitz in den ozeanischen Kolonien, irgendwo im Bismarck-Archipel.

Da stellt sich die Frage, welche Qualitäten sowohl der gute Segler als auch der gute Vermögensverwalter braucht. Welche Parallelen gibt es?

Sehr gute Frage. Wenn ich als Segler vor dem Wind fahre und die Segel dabei nach Backbord und Steuerbord ausgestellt sind, habe ich schon oft daran gedacht, jetzt bloß keinen Fehler zu machen. In einer solchen Situation muss man sehr vorsichtig taktieren, darf nicht abrupt handeln und womöglich das Steuerrad hektisch herumreißen. Sonst kracht einem der Großbaum. Gefragt ist dann Langsamkeit.

An der Börse geht es jedoch um Schnelligkeit. Sekunden entscheiden.

Aber auch dort richten hektische Kursänderungen Schaden an. Eine Taktik kann man ändern, aber man darf nicht radikal etwas ganz Anderes machen. Zum Beispiel en masse in Aktien einer Firma einsteigen, nur weil sie gerade sehr in Mode sind. Es geht nicht ohne die große Linie, ohne die genaue Vorausplanung. Das gilt fürs Segeln wie für die Börsen.

„Kein Wind ist demjenigen günstig, der nicht weiß, wohin er segeln will“, erklärte der französische Philosoph Michel de Montaigne.

Völlig richtig. Man muss strukturiert vorgehen, nicht aus dem Bauch heraus. Deshalb haben wir eine große Kapitalmarkt-Research-Abteilung, die unsere Handlungen untermauert.

Der Seemann braucht sowohl gute Karten als auch eine gute Ausbildung in der Nautik, der Schifffahrtskunde. Was sind die entsprechenden Analogien in Ihrem Beruf?

Orientierung gibt zum Beispiel eine klare Strategie, so wie wir sie seit 40 Jahren mit unserem WMM-Fonds haben. Er berücksichtigt langfristige volkswirtschaftliche Strukturen, mittelfristige monetäre Entwicklungen sowie kurzfristige Markttrends. Das ist Nautik, wenn Sie so wollen. Hinzu kommt die erwähnte Research-Abteilung, wo 20 von 200 Personen unserer Firma arbeiten. Da lernen wir ständig hinzu. Sie hält uns von übertriebenen Risiken ab und sichert Performance. Der Vertrieb ist auf ihre Kompetenz angewiesen.

Im FMM-Fonds wenden Sie die Ergebnisse Ihrer Doktorarbeit aus dem Jahr 1973 an. Sie zeigten darin auf, wie die Politik der Notenbanken und somit die Größe der Geldmenge die Entwicklung der Börsenkurse beeinflusst.

Als ich damals von der Münchner Universität kam, hielt man in der Branche nichts von Kurs-Gewinn-Verhältnissen oder Charts. Die Börsenbriefe waren nur Tipp-Dienste. Sie verbreiteten, was Insider in Frankfurt gerade so kaufen. Die Botschaft: Hängen Sie sich dran! Gerüchte und Intuition zählten, nicht Fakten.

Und dann warteten Sie mit monetären Impulsen und Markttechniken auf.

Wir lassen uns bis heute von wissenschaftlich untermauerten Strategien leiten und befolgen entsprechende Regeln. Das ist ein Grund für unseren Erfolg. Im Durchschnitt lag das Plus des FMM-Fonds seit 1987 bei jährlich über acht Prozent, einen schlimmen Rückschlag gab es nicht. Wir haben die Klippen gut umschifft. Den Aktienanteil haben wir zuletzt von rund zwei Drittel auf 60 Prozent reduziert.

Sie lebten einfach, finanziell lohnend, Ihre Doktorarbeit weiter.

Genau. Ich habe sie verfeinert und auch als Buch verkauft, gedacht für Praktiker. Damals hatte es tatsächlich keine einzige wissenschaftliche Arbeit über den Einfluss monetärer Faktoren auf die Börse gegeben – was heute Standard ist.

Was konkret macht den guten Unterbau einer Vermögensverwaltung aus?

Mitarbeiter in allen Bereichen zu haben, denen die Arbeit wirklich Spaß macht. Das ist das Optimum. Wir versuchen, sie durch alle möglichen Anreize zu motivieren, vom guten Essen bis zur Wertschätzung. Jedem Mitarbeiter sage ich, er solle zu mir kommen, wenn er Sorgen habe. Tausend Kleinigkeiten machen ein gutes Betriebsklima aus. Unsere Fluktuationsrate ist dementsprechend niedrig. Auf der anderen Seite dürfen Kosten nichts ins Kraut schießen, wir müssen wettbewerbsfähig sein. Gesucht ist der richtige Mittelweg.

Wo können die größten Fehler im sensiblen Geschäft des Mehrens von Geld gemacht werden?

Zum Beispiel, sich in der Hausse mitreißen zu lassen und zu übermütig zu werden. Ich habe bei uns einige Jung-Talente erlebt, die in der Hochphase sehr gut waren, in der Baisse aber jäh scheiterten. Die glaubten, es gehe mit dem Erfolg einfach immer so weiter. Das ist ein Irrtum. 1999 und 2006, die Jahre vor zwei großen Börsenkrisen, waren hervorragend – dann kam der steile Absturz. In solchen Fällen braucht man die richtige Bar-Quote. Die Kunst ist nun mal, in der Hausse dabei zu sein, in der Baisse aber nicht zu viel zu verlieren. Man muss prozyklisch handeln, wenn alles gut geht – und antizyklisch, wenn es rappelt.

Leichter gesagt als getan.

Ich habe 1987 den Crash vorausgesehen, weil die Zinsen stark stiegen und weil die überaus optimistisch gestimmten Leute nicht mehr Aktien kauften, sondern gleich Optionsscheine hierauf. Sie erhofften sich so noch mehr Gewinn. Wenn man so viel hebelt, kann das leicht schiefgehen. Da bin ich vorher „short“ gegangen, habe also auf Termin Aktien verkauft – und am Ende sogar in der Baisse schön verdient.

Es kommt in solchen Fragen auf vermögenswirksame Intelligenz an. Wie kann man sie Ihrer Meinung nach maximieren?

Indem man stets die neuesten Daten und Entwicklungen an der Börse abfragt und viel mit Unternehmen spricht, nicht nur mit den Vorständen, sondern auch mit den operativ Verantwortlichen. Man muss sich, wie bei einem Mosaik-Bild, diese Intelligenz zusammensuchen. Da kommt einem die Erfahrung an der Börse zugute. Vieles wiederholt sich.

Wie stellen Sie sicher, dass die Kompetenz in Ihrem Haus immer à jour ist?

Man muss gut verdienen, um die guten Leute bezahlen zu können. Nötig ist auch ein guter Vertrieb, die Fonds müssen sich gut verkaufen. Ich kenne sehr gute Fonds, die sich schlecht verkaufen, andererseits aber auch Firmen, die nicht so Super-Ergebnisse aufweisen, dennoch einen guten Vertrieb haben. Das alles ist gar nicht so leicht, denn die Banken beispielsweise zahlen für solche qualifizierten Leute ebenfalls sehr gut.

Welche Grundtugenden oder Todsünden eines Vermögensverwalters bewerten Sie hoch?

Bei den Tugenden: Vorsicht. Man muss zwar leidenschaftlich sein, aber dabei immer die Grenzen kennen. Bei den Sünden: Hochmut. Zum Beispiel ist es gefährlich, wenn man glaubt, nicht diversifizieren zu müssen, sondern alles auf eine Karte setzen zu können.

Wie sieht es mit den optimalen Kundenbeziehungen aus? Muss man sich nicht fortwährend abgrenzen gegen problematische Praktiken in der Branche, wenn vertriebsorientierte Derwische munter Kosten produzieren und dem Kunden alles dreist in Rechnung stellen?

Es ist klug, den Kunden gut zu behandeln, dann bleibt er bei einem. Schröpft man ihn ab, geht er weg. Wir können uns da im Branchenvergleich gut sehen lassen. Fairness dem Kunden gegenüber ist eine Priorität. Darauf habe ich vom ersten Tag an geachtet. In den ersten Jahren habe ich da sogar Sachen gemacht, die heute undenkbar sind. Wenn ich in der Depotverwaltung völlig daneben gelangt hatte, stornierte ich den Kauf und legte das Papier in mein eigenes Depot. Manchmal habe ich den Leuten auf diese Weise einen Mercedes geschenkt. Aber das ist sehr lange her.

Muss ein Vermögensverwalter immer auch ein bisschen Psychologe sein? Und: Muss er emotionale Intelligenz nutzen?

Man muss die Kundenbeziehung breit gefächert angehen. Voraussetzung ist, gute Ergebnisse zu liefern, selbstverständlich. Erforderlich ist aber auch, immer für ihn da sein. Früher waren viele Dax-Vorstände Kunde bei mir, und wenn sie starben, habe ich mich dann um deren Witwen gekümmert. Damals war die Firma noch kleiner und ich konnte persönlich zu ihnen zum Kaffee nach Hause kommen.

Wie sieht es heute aus?

Wir versuchen, zentral gesteuert von oben, beispielsweise zum Geburtstag dem Kunden einen Blumenstrauß zu überbringen. Es ist eminent wichtig, nicht nur Fachwissen zu vermitteln, sondern sich auch menschlich zu kümmern. Man muss über alles reden, was dem anderen am Herzen liegt.

Wie erkennen Sie, ob potenzielle Kunden überhaupt zu Ihrer Vermögensberatung wirklich passen? Was fragen Sie da?

Manchmal kommen die Menschen mit völlig utopischen Ideen zur Vermögenssteigerung in mein Büro. Ich erinnere mich gut an 1999 und an die ersten Wochen im Jahr 2000, an die wilde Zeit des Neuen Marktes, als alle Aktien kaufen wollten, die irgendetwas mit Internet zu tun hatten, und das auch noch auf Kredit. Wenn ich da den Interessenten sagte, auf Dauer seien für mich fünf bis zehn Prozent Gewinn auf ihre Anlagen befriedigend, standen manche auf und gingen sofort wieder. Der Boom hatte gierig gemacht.

Einen bestimmten Kundentyp wollen Sie nicht haben?

Ich bin immer vorsichtig, wenn zu hören ist: „Sie können ruhig loslegen in der Vermögensverwaltung, das ist Spielgeld für mich. Ich will nur ein möglichst gutes Ergebnis haben und keine Verluste.“ So jemand ist mit Sicherheit bei uns fehl am Platz. Denn zwischenzeitliche Verluste lassen sich – leider – nie ganz vermeiden. Sie gehören zur Börse dazu, müssen aber begrenzt werden. Manchmal nimmt man in solchen Fällen den Kunden doch an, weil es sich um ein großes Depot handelt. Dann erlebt man nachher Probleme. Im Grunde sollte man nur eine realistische Klientel annehmen.

„Unrealistisch“ – heißt das, mit einer Casino-Mentalität wie beim Roulette das Geld anlegen zu wollen?

Es gibt sehr erfolgreiche Unternehmer, die ihre Firma verkaufen und den Erlös vernünftigerweise auch in Aktien anlegen. Aber dann geraten sie entweder an den falschen Berater oder sie haben selbst zu spekulative Ideen – mit der Folge, dass sie das ganze Bargeld aus dem Verkauf ihres Lebenswerks verspielen. Das habe ich schon erlebt.

Wie oft haben Sie Kunden abgelehnt?

Früher kam es öfter vor, dass wir uns Kunden verweigerten. Die dachten so wie Gordon Gekko im Film „Wall Street“: „Gier ist gut.“ Heute kommt das nur in wenigen Fällen vor. Bedingt durch große Baissen sind ältere Kunden realistischer und vorsichtiger geworden. Jüngere Investoren dagegen neigen zu weniger Vorsicht. Es freut mich natürlich, dass junge Leute heute viel mehr an die Börse gehen und Aktienbesitz verbreitet ist. Die Hemmschwellen sind gefallen. Das Schöne dabei ist der Reichtumseffekt in guten Zeiten, das Bedrohliche jedoch, dass eine Baisse dadurch stärker auf die Konjunktur durchschlägt.

Sie müssen solche Wünsche und Motivationen des Kunden genau einschätzen können.

Klar. Wenn jemand von den Erträgen der Fonds und Depotverwaltung leben will, ist das eine wichtige Information. Und es stellt sich die Frage, wie risikofreudig oder defensiv jemand ist. Ein gewisses Risiko ist immer vorhanden, ansonsten müsste man sich für Festgeld entscheiden, aber das bitte schön bei der richtigen Bank. Auch durch zu viel Vorsicht kann man Geld verlieren, wenn man die Inflation miteinrechnet.

Was haben Sie persönlich aus den jahrzehntelangen Begegnungen mit Kunden gelernt?

Dass die meisten zwischen Gier und Furcht schwanken. Beides muss man bremsen. In der Baisse ist es die Aufgabe, vor Panik zu warnen und davor, zu früh – mit Verlust – Papiere abzustoßen. Die Stop-Loss-Methodik neigt dazu, bei der Bewegung nach unten zu verkaufen, selbst wenn es der falsche Zeitpunkt ist. Besteht Erholungspotenzial? Oder handelt es sich um eine spekulative Überhitzung? Das muss man erkennen.

An welches konkrete Beispiel denken Sie?

An Japan im Jahr 1990. Das Land war damals im Weltindex mit 44 Prozent gewichtet, heute sind es übrigens fünf Prozent. Eine riesige Spekulationswelle hatte sich aufgebaut. Damals war ich einer der wenigen, die vor einem Debakel gewarnt haben. Auch heute sind wir in einer recht fortgeschrittenen Haussephase und es braucht viel Sachkenntnis und Arbeit, um nicht Schiffbruch zu erleiden. Wendet man bestimmte Analysemethode an, ergeben sich schon heute Hinweise auf Spekulationsblasen, etwa in der Tech-Industrie und der Halbleiterbranche.

Wie sehen Sie eigentlich den Faktor „Charakter“ auf der Beraterseite?

Bescheidenheit ist an der Börse sinnvoll, sonst bringt einem die Börse Bescheidenheit bei.

Es gibt auch Leute, die sagen: Warum soll ich eigentlich die teuren Researcher eines Vermögensverwalters bezahlen, wo es doch die passiven Investmentfonds (ETF) gibt? Diese streuen Anteilsbesitz automatisch nach Indices breit in alle Welt, und das gegen kleine Gebühr. Was erklären Sie denen?

Solchen Leuten drohe ich mit der Baisse. In diesem Fall sind wir immer besser als diese ganzen passiven Fonds. Bei uns wird ständig umstrukturiert: Versager fliegen raus, die Guten kommen hinein. Wenn Wirtschaft und Börse leiden sollten wie 2008 nach dem Subprime-Crash, dann ist ein Vermögen mit einer aktiven Politik viel besser zu schützen. Dann plumpst man nicht zusammen mit dem Index nach unten.

Halten Sie ETFs auch, finanztechnisch gesehen, für gefährlich?

Mich stört, dass in Amerika das passive Investieren mittlerweile größer ist als das aktive. Vieles marschiert da nur wegen der Größe der Firmen in die Fonds hinein, nicht wegen der Outperformance oder einer günstigen Niedrigbewertung. Es gibt einen Herdentrieb. Der kann großen Schaden verursachen. Aus markttechnischen Gründen kann die nächste Baisse heftig werden. Natürlich darf man mit einem aktiven Fonds nicht zu schlecht gegen einen ETF abschneiden. Zuletzt haben in den USA nur 20 Prozent der aktiven Fonds den Index geschlagen.

Sie machen überhaupt nichts in diesem Genre?

Wir haben zwei gemanagte ETFs, einen für Europa, einen für die USA. Die haben sich beide gutbehauptet. Unser Ziel ist es, so dem Kostentrend Rechnung zu tragen. Es gibt nun mal einige, die sehr auf niedrige Gebühren achten. Dank KI-Unterstützung versuchen wir, die richtigen Titel für einen solchen ETF herauszufischen. Demnächst starten wir einen Asien-ETF. Da kommt noch einiges in dieser Richtung.

Wann haben Sie in der Firma begonnen, KI einzusetzen?

Vor einigen Jahren. Das Research benutzt viele Systeme. Auch ich persönlich nutze KI immer stärker. ChatGPT ist nicht besser als ich, aber ich erhalte so schnell relevante Informationen.

Wenn die stimmen und nicht halluziniert sind.

Man muss die Angaben natürlich prüfen. Vielleicht kommt der Tag nie, dass mir eine KI sagt, wie man am besten einen Fonds verwaltet. Noch gilt: Jeder Zugriff ist besonders. Wenn alle weltweit das Gleiche machen könnten, wäre es allzu einfach – und würde am Ende schiefgehen. Wenn KI sagt: „Kaufen!“ und alle kaufen tatsächlich, dann können ja nicht alle Recht behalten an der Börse.

Ihre Firma DJE Kapital konzentriert sich auf die Klassiker der Geldanlage, auf Aktien, Anleihen und Gold. Haben Sie nie über alternative Investments nachgedacht, also über Private Equity, Immobilien oder Private Debt?

Einmal hatten wir einen Immobilien-Dachfonds. Es war eine Fehlrechnung. In Finanzkrise 2008/09 waren die Angebote schwer verkäuflich. Dann haben wir den Fonds, so gut es ging, abgewickelt. Wir wollen ein Haus sein, das stets liquide ist. Der Anleger soll von heute auf morgen sein Geld zurückbekommen. Bei Private Equity, also größeren Beteiligungen an Unternehmen, würde er da auf eine Warteliste gesetzt. Man muss Jahre warten, bevor man etwas verkauft und Rendite liefern kann. Der Trend geht weg von solchen illiquiden Anlagemöglichkeiten, auch wenn die Finanzindustrie damit viele Gebühren kassiert.

Und für Ihr persönliches Depot?

Als Privatmann kann es sinnvoll sein, etwas in Private Equity zu investieren. Ich habe die damit verbundenen hohen Renditen schon erleben dürfen. Der Anteil am Depot sollte klein sein.

Private Debt, das Geschäft mit privaten Krediten, ist ein Boom-Thema. Finanzwächter warnen bereits vor einem Finanzkrach durch Schattenbanken, die viel Geld verliehen haben.

Das ist eine weitere illiquide Spielart. Das ist mir alles zu intransparent. Da würde ich nicht investieren. Ich will selbst beurteilen, was da los ist.

Ihre Firma hat drei Standbeine: Private Vermögensverwaltung, Publikumsfonds und das Geschäft mit Versicherungen, Pensionskassen, Stiftungen und Unternehmen. Wo sind die Wachstumschancen am größten?

Die Fonds sind vom Volumen her gesehen der größte Bereich. Da wollen wir weiter expandieren. Bei den Privatkunden wachsen wir auch, aber nicht in der Schnelligkeit wie bei den Fonds. Man braucht hier entsprechende Berater und das Potenzial muss vorhanden sein. Im sich gut entwickelnden institutionellen Geschäft wiederum sind die Margen insgesamt geringer, die Volumina aber größer. Unsere gute Performance spricht sich herum.

DJE Kapital wirbt damit, „frei von Konzernvorgaben“ zu sein. Und Sie waren der erste deutsche große Vermögensverwalter jenseits von Banken und Sparkassen.

Unabhängigkeit ist ein großer Wert unserer Beratung. Ich bin sehr stolz darauf, vom damaligen Bundesaufsichtsamt für den Wertpapierhandel als erste Nicht-Bank diese Erlaubnis bekommen zu haben. Das war ein großer Vertrauensbeweis. Die Zeiten waren spekulativer, und es gab Vermögensverwalter, die im negativen Sinne auffielen.

Bevor Sie irgendwo Aktien kaufen, fühlen Sie in „Unternehmensgesprächen“ dem jeweiligen Management auf den Zahn. Das kann eine Schmerz-Operation werden?

Wir versuchen, nicht zu unangenehm zu sein, sodass wir da noch einmal aufkreuzen können. Man kann ja nicht einfach zu Apple gehen, sondern braucht eine Einladung. Oft baut sich durch kontinuierliche Gespräche ein Vertrauensverhältnis mit dem Vorstand auf. Eine ruppige Art hilft da nicht. Und man sollte nicht versuchen, eine Hauptversammlung zu kippen. Gleichwohl: Ein „deep research“ ist schon angebracht. Die Unternehmen sind heute bereit, da mitzumachen, auch international. In der D-Mark-Zeit war ich fast ausschließlich hierzulande unterwegs. Die USA waren für uns verschlossener, in Japan bekam man als Deutscher keinen Termin.

Ein mögliches Investment in Unternehmen wird dann noch gefiltert nach Nachhaltigkeitskriterien rund um Environment, Soziales und Government (ESG).

Das kommt punktmäßig in die Bewertung von Firmen hinein. ESG wird aus guten Gründen sehr beachtet.

Dabei schließen Sie Rüstungsunternehmen aus. Nach dem Überfall Russlands auf die Ukraine und die dadurch veränderte Sicherheitslage haben sich viele Investoren umorientiert und stecken ihr Geld mittlerweile gerne in Firmen wie Hensoldt oder Rheinmetall. Der Konzern ist sogar in den Dax aufgestiegen. Verpassen Sie da etwas?

Wir arbeiten daran, die Kriterien für Rüstungsfirmen zu ändern, um so flexibler zu sein. Sonst könnten wir künftig etwa keine Aktien von Firmen kaufen, die Raketen bauen, weil deren Produkte militärisch einsetzbar sind. Streumunition allerdings sollten sie nicht herstellen. Generell bin ich eher dafür, Krieg nicht auch noch über die Börse zu unterstützen. Vielleicht bin ich da blauäugig.

Drohnen zum Beispiel werden mittels KI in Kriegsgebieten gesteuert. Wollen Sie da den KI-Anbieter meiden?

Wohl ist mir nicht bei der Sache, aber man kommt wohl zum Teil nicht herum. Zu unterscheiden sind aggressive Rüstung und notwendige Verteidigungsindustrie. Es ist schwierig, das genau zu formulieren. Unternehmen wie Airbus haben einen signifikanten Rüstungsanteil, und bisher können wir sie nicht kaufen.

Sie achten auch auf Einhaltung von Arbeitsschutz, Menschenrechten, Umweltschutz und Vermeidung von Korruption. In den USA würden republikanische Gouverneure Sie als „woke“ beschimpfen und Ihnen keine Staatsgelder anvertrauen.

Wir haben keine amerikanischen Kunden. Aber auch in Europa sind Investoren verklagt worden, weil sie nach Meinung des Geldgebers zu sehr ESG beachteten und dadurch Performance versäumt hätten. Wir sollten meiner Meinung nach ESG dennoch weiter hochschätzen, auch wenn es kein Schwerpunkt ist. Einst haben wir uns sogar in China von Firmen die Arbeiterunterkünfte zeigen lassen. Diese China-Besuche haben wir inzwischen sehr reduziert…

Weil hier der geopolitische Anspruch Chinas auf Weltherrschaft eine Rolle spielt?

Aufgrund der Partnerschaft Pekings mit Russland könnte die US-Regierung auf die Idee kommen, harte Sanktionen gegen China zu erlassen. In einer solchen Situation hält man besser keine chinesischen Aktien. Hinzu kommt: Zwar ist der Aktienmarkt dort insgesamt sehr gewachsen und die Marktkapitalisierung liegt auf einem Allzeithoch, doch der Aktienindex hält überhaupt nicht mit. Die Unternehmen geben ständig zum Zweck der Geldbeschaffung neue Aktien aus. Aufgrund des größeren Angebots sinken folglich die Kurse. In den USA dagegen kaufen die Konzerne ihre eigenen Aktien auf, um deren Wert zu steigern.

Egal, ob Rüstung, China oder andere schwierige Fragen: Wer trifft bei Ihnen eigentlich final die Entscheidungen? Einmal im Monat gibt es ein Strategiemeeting, jede Woche ein Research-Meeting. Ist alles letzten Endes dann Chefsache?

Solche Meetings werden keinesfalls von mir allein autoritär geführt. Ich lasse mir viele Vorschläge kommen. Mein Sohn Jan bestimmt vieles. Und in der erweiterten Geschäftsführung werden selbstständig Lösungen gefunden. Wir haben uns so aufgestellt, dass die Firma immer weiterläuft, selbst wenn ich und mein Sohn ausfallen sollten. Unser Führungskader ist sehr widerstandsfähig. Wir sind für alle Fälle gewappnet.

Gibt es bei anstehenden Themen schon mal knappe Mehrheitsentscheidungen?

Es wird eher so lange diskutiert, bis man einen Konsens findet und meint, es sei der richtige Weg. Fünf dafür, vier dagegen – so ein Modell leben wir nicht. In einem solchen Streitfall vergessen wir den diskutierten Vorschlag lieber.

Am Anfang Ihrer Karriere studierten Sie Betriebswirtschaftslehre in Hamburg und arbeiteten als Assistent bei Ihrem Vater Alfred Ehrhardt, einem bekannten Fotografen und Dokumentarfilmer. Drängte es Sie damals ins künstlerische Genre?

Ich bin nun mal Sohn meines Vaters und sehr an Kunst interessiert. Deshalb habe ich 2002 eine Stiftung gegründet, die sich dem Werk meines Vaters widmet. Voraussichtlich Ende 2027 eröffne ich in Mecklenburg-Vorpommern, auf dem Gelände des Schlosses Plüschow, ein Alfred-Ehrhardt-Museum. Von seinen Werken sind die Fotos am wenigsten durch das Sieb der Zeit gefallen. Und ich unterstütze nicht unwesentlich die Pinakothek der Moderne in München.

Was gab nun den Ausschlag, dass Sie seinerzeit nicht in die Kunst gingen, sondern ins Kaufmännische? Dass Sie dann doch mehr der Sohn der Mutter als des Vaters waren?

Mein Vater wollte in seinem Unternehmen immer allein entscheiden. Ich sah nicht die geringste Chance, mich selbst zu entwickeln.

Wäre er offener gewesen, würden wir heute vielleicht über Ihre Fotos und Filme reden?

Das weiß ich nicht. Seine Leidenschaft habe ich immer bewundert. Mein Vater ging sehr in seinem Beruf auf und war in der Familie nicht sehr präsent. Wenn meine Mutter Geburtstag feierte, bearbeitete mein Vater im Nebenraum am Schneidetisch den nächsten Film. Dafür war meine Mutter mit ihrem kaufmännischen Sinn überpräsent. Sie hat sich noch mit 90 Jahren für die Börse und die Fonds interessiert. Ihre Frage war immer: „Wie geht es der Firma?“

Und um auf ihr merkantiles Interesse einzugehen, haben Sie Betriebswirtschaftslehre studiert?

Es war ein Allround-Studium. Im Grunde wusste ich nach dem Abitur nicht genau, was ich machen sollte. BWL hielt ich für eine Art erweitertes Abitur. Erst danach wollte ich entscheiden, in welche Richtung es genau gehen sollte.

Nach Ihrer Promotion hätten Sie leicht Wissenschaftler werden können. Warum schlugen Sie nicht den akademischen Weg ein?

Ich hätte Assistent an der Universität werden können, wollte aber etwas Dynamischeres machen, etwas mit Aktien. Im „Spiegel“ las ich über eine neue Firma in München, die sich „PM Portfolio Management“ nannte. Der Inhaber Peter Hellerich wollte das Geschäft nach amerikanischem Vorbild aufziehen.

Der „Spiegel“ beschrieb Hellerich als Pionier, der frühmorgens im Lotus-Yoga-Sitz seine „schöpferische Intelligenz“ trainiere und kapitalknappe Mittelstands-Unternehmen an die Börse bringen wollte. Das faszinierte Sie?

Ja. Da bin ich zum Gespräch hingegangen und fing am nächsten Tag an. Fünf Jahre war ich dort Junior-Partner, hatte aber keine Aufstiegschancen. Zudem schrammte die Firma knapp an Verlusten vorbei. Folglich sagte ich mir 1974: „Das kannst du auch allein machen.“

Mit Geldmenge hatte sich vor Ihnen der Wirtschafts-Nobelpreisträger Milton Friedman intensiv beschäftigt, der die Theorie des Monetarismus begründete. Sind Sie in seinem Sinne noch Monetarist?

Nach wie vor. Das Monetäre habe ich in der FFM-Methode gleich hinter das Fundamentale gestellt, das Abchecken der volkswirtschaftlichen Daten. Früher war für mich die Bundesbank der wichtigste Indikator. Wenn die gebremst haben, stieß ich Aktien ab, während die anderen wie wild kauften. Und wenn in der Rezession die Bundesbank aufdrehte und die Geldmenge steigerte, habe ich gekauft. Mit dieser Strategie waren manchmal 50 Prozent Gewinn in einem Jahr möglich. Das gelingt heute nur mit spekulativen, hochpreisigen Aktien. Allerdings ist deren Risiko enorm hoch.

In den USA hatte die gefeierte Investorin Cathie Wood mit Wetten auf disruptive Technologien wie bei Tesla zunächst großen Erfolg. Dann wurde sie 2022 vom Börseneinbruch kalt erwischt.

Man sieht, wie sich das langfristig auswirkt. Es ist offenbar doch keine gute Strategie. Das Schwierigste bei der WMM-Methode ist die Markttechnik. Sie gibt manchmal falsche Signale. Pessimismus bei Automobilaktien gab es schon lange, und da war es auch richtig, pessimistisch zu bleiben – und nicht groß in entsprechende Aktien einzusteigen. Optimismus gab es hingegen bei Technologiewerten – und doch war es erst einmal richtig, sich damit weiter einzudecken. Man muss aufpassen, nicht in die falsche Schublade zu greifen.

Welche Orientierungsgrößen haben Sie? Man nennt Sie gerne den „deutschen Warren Buffett“.

Da fühlt man sich geschmeichelt. Mir gefallen seine Sprüche immer sehr gut. Er hat den Markt immer sehr von den Gewinnen her betrachtet. Anfänglich hatte Buffett ein gutes Händchen bei „Value-Aktien“, irgendwann aber war es mit der Out-Performance vorbei. Man muss heute auch technologisch auf Draht sein und auf Wachstum achten. Der freie Cashflow muss gut sein. Und ich würde nicht, wie es Buffett zeitweilig gehalten hat, ein Drittel des Vermögens auf einen einzigen Wert wie Apple konzentrieren.

Wie sehen Ihre Zukunftspläne aus? Sie sind das Gesicht der Firma, treten zum Beispiel im Fernsehen auf. Beabsichtigen Sie, einem Beirat oder einem Aufsichtsrat vorzustehen?

Am liebsten möchte ich weitermachen wie bisher. Wenn ich so helle im Kopf bleibe wie jetzt, ist das gut zu leisten. Hier findet nicht irgendein Übergang statt. Mein Sohn Jan ist schon lange dabei. Er sitzt fest im Sattel und macht seine Fonds völlig unabhängig – seit 20 Jahren. Vom ersten Tag an habe ich ihm nicht reingeredet. Die von ihm gemanagten Fonds „Zins + Dividende“ und „Dividende + Substanz“ legten im ersten Halbjahr stark zu. Zu seinem großen Erfolg trage ich nichts bei. Ich selbst mache meine eigenen Fonds und verantworte meine Aufgaben, etwa rund um Öffentlichkeit und Analyse. Jan macht seinen Teil.

In Medien hieß es dennoch, der Übergang verlaufe bei den Ehrhardts zäh. Der Junior komme nicht an die Spitze.

Quatsch. Ich wollte nicht den Fehler meines Vaters wiederholen: Jan sollte von Anfang an Freude am Werk haben und eigenständig gestalten können. Noch einmal: Die Frage des Generationenwechsels stellt sich gar nicht. Der Übergang ist längst passiert. Jan ist sehr viel in Amerika unterwegs und lotet dort unentwegt Investitionschancen aus. Unsere Organisation hat er zum wesentlichen Teil aufgebaut. Von ihm habe ich gelernt, langfristiger zu handeln. Ich habe mir von ihm einiges abgeschaut und agiere weniger auf kurze Sicht.

Ein bemerkenswerter Lernprozess. Die Firma war früher ganz auf Sie zugeschnitten.

Nach den ersten fünf Jahren hatte ich 20 Sekretärinnen – und noch keinen einzigen Mann eingestellt. Damals war es ohne Zweifel eine patriarchale Führungsstruktur. Heute beruht unsere Organisation auf vielen Köpfen. Das sind wir schon unseren Kunden schuldig. Das Erfreuliche ist: Nicht nur Jan hat zwei große Fonds, sondern mein WMM-Fonds ist ebenfalls inzwischen zehnstellig. Ich habe jetzt auch einen Milliarden-Fonds.