Meine gesammelten Werke: Wie ich die Lage gesehen habe.

Mehr Fakten, weniger Ideologie: Europa braucht ein neues migrationspolitisches Leitbild

Internationale Politik, 29.06.2026

Wie Zuwanderung helfen kann

Mehr Fakten, weniger Ideologie: Europa braucht ein neues migrationspolitisches Leitbild

Internationale Politik, 29.06.2026

Wenn Europa politisch gut sein will, dann glaubt es, schlecht zu Migranten sein zu müssen. Diesen Eindruck konnte gewinnen, wer näher verfolgte, wie die EU-Kommission in Brüssel und wichtige EU-Staaten immer wieder neue Pläne für eine schärfere Migrationspolitik vorantrieben.

Auch nachdem die Zahl der „irregulären“ Ankünfte 2025 gegenüber dem Vorjahr um 35 Prozent gefallen war, sollen aktuell zusätzliche Maßnahmen den EU-Migrationspakt anspitzen. „Schnelle, wirksame und würdevolle Abschiebungen sind für die Glaubwürdigkeit des Asylsystems unverzichtbar“, postuliert EU-Kommissar Magnus Brunner. Geplant sind „Mehrzweckzentren“ („Return Hubs“) entlang der Fluchtrouten – in Staaten wie Ägypten, Libyen, Marokko und Tunesien. Dort sollen nicht schutzbedürftige Menschen aufgehalten beziehungsweise zurückgebracht werden.

Offenbar umtreibt die EU-Verantwortlichen, dass neue politische Krisen oder die Folgen des Klimawandels künftig wieder mehr Menschen nach Europa bringen könnten – und somit Migrationsthemen erneut Wahlkämpfe dominieren würden.

Doch die deshalb betriebene Eskalationspolitik in Sachen Migration ist trügerisch. Denn längst hängen Wohlstand und Wachstum im starken Maße auch von der Frage ab, wie gut eine schrumpfende Gesellschaft Migranten aus anderen Staaten integrieren und damit Schwächen im Arbeitsmarkt ausgleichen kann. Was gesellschaftspolitisch sehr umstritten ist, stellt sich ökonomisch ganz anders dar: Finanziell lohnt sich Migration.

Nötig ist von daher ein Perspektivwechsel der Politik und der Öffentlichkeit – weg vom einseitigen Dauerbrenner „Restriktion“ (oder gar „Remigration“) hin zu einem neuen positiven Denken, zu Kategorien des Ermöglichens. In diese Richtung orientiert sich allem Anschein nach inzwischen auch die EU-Kommission.

Es ist Zeit für eine radikale Zäsur. Je offensiver EU-Staaten den Einreisewilligen legale Möglichkeiten des Broterwerbs und der Ansiedlung bieten, desto eher werden sie sich gegen sündteure Fluchtrouten und dubiose Schlepper-Organisationen entscheiden. Zu oft wird vergessen, dass den kurzfristigen Lasten durch Einwanderung jene großen Vorteile gegenüberstehen, die arbeitende Migranten langfristig für die Wirtschaftsleistung eines Landes bringen. Einkommen von Firmen und Mitarbeitenden steigen, es fließen mehr Sozialbeiträge für Gesundheit, Rente, Pflege sowie Arbeitslosenversicherung, zudem profitiert der Fiskus von höheren Steuereinnahmen.

So gesehen erscheint Zuwanderung nicht mehr als Schreckgespenst, das National-Populisten zu Regierungsübernahmen verhilft, sondern vielmehr als Macht- und Wirtschaftsfaktor, der dem alternden Kontinent Europa im geopolitischen Wettstreit hilft. Staaten mit offenen, zukunftsorientierten Gesellschaften können von einer Zeitenwende in der Einwanderungspolitik profitieren, während alternde, abgeschottete Länder an Dynamik verlieren. Bei allen Reformen des Gemeinsamen Europäischen Asylsystems (GEAS) haben solche Gedanken bisher noch nicht die entscheidende Rolle gespielt. „In weiten Teilen gelöst“, wie es Bundeskanzler Friedrich Merz glauben machen will, ist das Zuwanderungsthema jedenfalls mitnichten.

Migration als Strukturphänomen globaler Ordnung fordert ein verändertes Politmanagement heraus. Wurde Zuwanderung bisher meist als humanitäre oder innenpolitische Frage behandelt, auf die man technokratisch etwa mit Ausweisung oder Bezahlkarten reagierte, müsste Europa künftig Migration als strategische Ressource für Wohlstand und Stabilität begreifen und nutzen. Laut einem Report der Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit („Grand Challenges for Europe 2050“) fehlen der EU und Großbritannien bis 2050 dutzende Millionen Arbeitskräfte – Migration sei die einzige realistische Antwort. Vor allem das Potenzial Afrikas mit seiner jungen Bevölkerung könnte eine strategische Partnerschaft begründen.

Überaus relevant ist das Thema für die EU schon heute. Anfang 2025 lebten hier die meisten Nicht-EU-Staatsangehörigen in Deutschland (12,4 Millionen), Spanien (6,9 Millionen), Frankreich (6,5 Millionen) und Italien (5,4 Millionen). Jeder Zehnte in der EU kommt von außerhalb.

Was eine rationale Politik in der Praxis stört, ist die enorme ideologische Aufheizung. Politische Parolen pro Einwanderung sind schwer verständlich für Asyl-Kritiker, die darauf verweisen, dass in Deutschland allein der Bund 2023 knapp 30 Milliarden Euro für Geflüchtete ausgab (für Unterbringung, soziale Hilfen, Sprachkurse und dergleichen). Da waren die Asyl-Kosten der Bundesländer (6,3 Milliarden Euro) und der Kommunen (nach Rückerstattungen) noch unberücksichtigt. In Frankreich sollen die Kosten noch höher liegen.

Rein marktwirtschaftlich betrachtet ist Zuwanderung völlig normal. Migranten orientieren sich am Einkommensgefälle, leben also dort, wo sie langfristig gut verdienen können. Ganz so, wie es der Nationalökonom Adam Smith (1723 bis 1790) beschrieben hatte: Armut und Arbeitslosigkeit seien „push factors“ für Migration, ausreichende Löhne hingegen ein „pull factor“.

Die Einwanderer – 2024 gab es global 304 Millionen – würden vor allem von Wünschen nach mehr Geld, mehr Bildung, mehr politischen Schutz sowie nach Familienzusammenführung geleitet, erklärt Ian Goldin, Professor für Globalisierung und Entwicklung an der University of Oxford. Regierungen, die sich offen für solche Migration zeigen, würden der Wirtschaft ihres Landes helfen. Wenn alle es gut fänden, dass amerikanisches Kapital in China investiere, dann müsse es auch okay sein, dass Inder in den USA arbeiten, argumentiert der Ökonom Branko Milanovic. Was man dem Produktionsfaktor Kapital gestatte, müsse auch dem Produktionsfaktor Arbeit erlaubt sein. Global gesehen sei Migration effizient, da Transfers von Migranten an aufnehmende Gesellschaften und deren Geldüberweisungen an ihre Ursprungsländer die Wohlfahrt aller erhöhen würden.

Von Liberalismus reden wir gern, sind aber beim Thema Migration weniger bereit, die Konsequenz liberalen Denkens zu tragen. Jeder Mensch habe das Recht „über seinen Besitz und seine Person zu verfügen, wie es einen am besten scheint – ohne jemandes Erlaubnis einzuholen und ohne von dem Willen eines anderen abhängig zu sein“, schrieb der Philosoph John Locke (1632 bis 1704). Das lässt sich als eine Art Garantie verstehen, wonach jeder, wo auch immer, seines Glückes Schmied werden soll. Einst sei es das Merkmal des Liberalismus gewesen, überall auf der Erde die Verletzung von Leben und Freiheit der Mitglieder jedweder Gruppe zu seiner ureigenen Angelegenheit zu erachten, fand die Philosophin Judith Shklar (1928 bis 1992): „Es ist ein empörendes Paradox, dass gerade der Erfolg des Liberalismus in manchen Ländern das politische Einfühlungsvermögen seiner Bürger hat verkommen lassen.“

In Deutschland hat die Kosten-Nutzen-Debatte jüngst neuen Schwung durch eine Studie des Bochumer Wirtschaftsprofessors Martin Werding erlangt. Er geht davon aus, dass auch künftig vor allem junge, wenig qualifizierte Menschen nach Deutschland fliehen werden – deren Beschäftigungsquoten und Durchschnittslöhne dementsprechend unter Vergleichswerten der Bevölkerung liegen. Konsequenz: Sie mindern die aktuellen Defizite der sozialen Sicherungssysteme.

Der Ökonom führt aus, dass das Wirtschaftswachstum, angeregt durch Migrantenarbeit, die durch Zuwanderung angestiegenen Finanzlasten klar kompensiere. 2070 sähe das so aus, dass bei einer Netto-Zuwanderung von nur 150.000 Personen pro Jahr die Staatsausgaben auf 35 Prozent des Bruttoinlandprodukts (BIP) steigen. Im Fall einer Netto-Zuwanderung von 350.000 Personen dagegen würden die Ausgaben auf 32 Prozent des BIP sinken. Grund: Die Beitragszahlerbasis verbreitert sich. Würden jedes Jahr 200.000 Menschen mehr nach Deutschland ziehen, spare der Staat à la lounge demnach rund 104 Milliarden Euro per annum. Werding: „In der Summe entlastet Migration die öffentlichen Haushalte.“

Explizit grenzt sich der Wissenschaftler von früheren Untersuchungen ab, etwa jenen des Freiburger Ökonomen Bernd Raffelhüschen, der unter dem Strich Zusatzlasten für den Staat durch Migration errechnet hatte. Solche Ansätze würden verkennen, wie sehr Zuwanderung die Wirtschaft ankurbele und zusätzliche Einnahmen schaffe. Im Grunde beschreibt Werding die Lage in Spanien, wo seit 2021 rund 1,2 Millionen ausländische Arbeitskräfte einwanderten, oft mit Touristenvisum. Es kam zu Rekordbeschäftigung (auf weitaus niedrigerem Niveau als in Deutschland) und 2025 zu 2,8 Prozent Wachstum (Deutschland: 0,2 Prozent). Bis zu 800.000 der Migranten, die meist zu Niedriglöhnen arbeiten, sollen bald eine temporäre, verlängerbare Arbeitserlaubnis erhalten.

Positive Befunde erscheinen nachvollziehbar, wenn man sich demografische Entwicklung und Arbeitskräftebedarf genauer anschaut. Zu Recht wird beklagt, dass etwa Deutschland die historisch niedrigste Zahl an Geburten (654.000) und eine durchschnittliche Geburtenrate von nur 1,35 pro Frau aufweist. Bis Mitte der 2030er-Jahre gehen 20 Millionen Beschäftigte in Rente, nur 12,5 Millionen treten in den Arbeitsmarkt ein. Künstliche Intelligenz, das Allheilmittel dieser Tage, wird diese Lücke ebensowenig füllen wie ein späterer Renteneintritt oder höhere Erwerbsquoten von Frauen.

Dramatisch ist die Lage auch in anderen europäischen Staaten. Die Geburtenraten sind in Spanien (1,12), Italien (1,14) und Polen (1,16) noch niedriger, Frankreich (1,56) immerhin liegt leicht über deutschen Werten. Überall fehlen Nachwuchskräfte, die in Jobs gehen, Steuern zahlen und die Sozialversicherung stützen.  Deshalb ist Zuwanderung ein wichtiges Instrument gegen die „Tragfähigkeitslücke“ öffentlicher Finanzen. Das eigentliche Problem ist ein Staat, der über seine Verhältnisse lebt, und nicht ein Staat, der Migration kontrolliert und vorausschauend zulässt.

Ohne Zuwanderer müssten Betriebe schließen oder ihr Angebot einschränken. Es gibt Mittelständler wie den Rolladen-Hersteller D&M aus dem Westerwald, die dringend benötigte neue Mitarbeiter direkt aus dem Flüchtlingsheim rekrutieren. Als neulich in Passau die gut ausgebildete Küchen-Mitarbeiterin eines Restaurants in ihre Heimat Sierra Leone ausgewiesen wurde, kritisierte der Wirt öffentlich die Politik – unter großem Zuspruch der Bevölkerung.

Nur bei einer jährlichen Nettozuwanderung von 400.000 Personen bleibe das Angebot an Arbeitskräften langfristig konstant, ermittelte das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung. Mehr Wirtschaftskraft und Wachstum sind schon in der Vergangenheit, von Ende der 1950er-Jahre an, in Deutschland nur durch angeworbene „Gastarbeiter“ aus Ländern Italien, Spanien, Griechenland oder Türkei möglich gewesen.

Es ist unverkennbar, dass auch derzeit Zuwanderer die alltägliche Wirtschaftsstruktur aufrechterhalten, oft arbeiten sie in systemrelevanten Jobs. Ohne sie würden Landwirtschaft und Supermärkte, Pflege- und Krankenstationen, Gast- und Reisegewerbe oder viele Haushaltsdienstleistungen nicht funktionieren. Gezielte Zuwanderung kann Engpässe in zentralen Branchen wie Pflege, Bauwesen oder Ingenieurwesen lindern.

Wenn Arbeitskräfte dauerhaft bleiben sollen, funktioniert das nur mit konsequenten Integrationsmaßnahmen. Geht es nur um temporäre Tätigkeiten – etwa auf dem Bau oder in der Landwirtschaft – kann man auf Regelungen für entsendete Arbeitnehmer zurückgreifen.

Der Bilanz der „Blauen Karten“, mit denen die EU seit 2012 hochqualifizierte Arbeitskräfte anlocken will, ist jedoch wenig aufmunternd. Zwar stieg die Zahl der erteilten Blau-Karten stark an, doch am Ende wurden sie kaum genutzt (2023 nur bei 2,3 Prozent aller erteilten Erstaufenthaltstitel). Die Antragsverfahren müssten kürzer sein und die (eingeschränkten) Mobilitätsrechte weiter gefasst. Vor allem halten es viele Mitgliedstaaten lieber mit eigenen – flexibleren, einfacheren – Zuwanderungsprogrammen.

Misslich ist auch, dass Migranten zwar so gut ausgebildet sind wie niemals zuvor, dennoch aber viele Hochqualifizierte in niedrigqualifizierten Berufen tätig sind, die meisten in der Berufsgruppe „Reinigungskräfte und Hilfskräfte“. Dabei verfügten 2024, so Daten des EU-Labour-Force-Survey, 32 Prozent der Einwanderer aus Nicht-EU-Staaten über einen Hochschulabschluss oder gleichwertige Qualifikationen. Mangelnde Sprachkenntnisse und unzureichende Anerkennung ausländischer Abschlüsse sind die größten Hindernisse bei der Arbeitssuche.

Langsam schwenkt die EU auf einen anderen Kurs ein. Für Firmen sollen die hohen Hürden fallen, wenn sie Fachkräfte im Nicht-EU-Ausland anwerben. Und vor allem sollen die von Migranten in ihrer Heimat erworbenen (und dokumentierten) Qualifikationen in der EU endlich leichter akzeptiert werden.

Eine Priorität ist es, bestehende legale Zugangswege auszuweiten.

–         „Skill Partnerships“ sollen Ausbildungsgänge in Nicht-EU-Partnerländern aufbauen, die sich am konkreten Fachkräftebedarf der EU orientieren. Pilotmodelle bestehen in mehreren EU-Staaten, etwa in der Pflege oder im Handwerk. Dieser Ansatz müsste auf mehr Länder und auf andere Berufsgruppen ausgeweitet werden – mit der EU als unterstützender Koordinator oder als Finanzier von Ausbildungsfonds.

–         Ein neuer EU-Talentpool als zentrale, öffentlich verwaltete Plattform ist in Planung, die potenzielle Migranten entsprechend ihrer Kompetenzen mit dem Arbeitsmarktbedarf der einzelnen EU-Staaten zusammenbringt. Damit würde Transparenz geschaffen. Geredet wird auch über eine zusätzliche „Refugee-Track“-Option für anerkannte Geflüchtete.

In vielen Fällen stört eine Überbürokratisierung, etwa rund ums deutsche Fachkräfteeinwanderungsgesetz, das bereits stark verbessert wurde. Stärkere Digitalisierung und mehr Behördenpersonal könnten helfen. In Norwegen ermöglicht es ein „Turbo-Verfahren“ den Behörden, innerhalb von fünf Arbeitstagen vorgelegte Abschlüsse von Migranten unverbindlich zu bewerten. Das hilft Arbeitgebern. Überhaupt sollte man in solchen Fragen Firmen stärker einbeziehen. In Branchen wie IT, wo ohnehin alle Englisch sprechen, wären Fachkräfte unabhängig vom heimischen Sprachniveau sofort einsetzbar.

Hoffnung sollte auf migrantisches Unternehmertum ruhen: Einwanderer, die eigene Firmen gründen, tragen überdurchschnittlich zur Steuer- und Sozialversicherung bei. Das Modell hat sich im Silicon Valley bewährt. Firmen wie Apple, Google, Tesla oder Nvidia beruhen auf den Ideen von Gründern mit Migrationshintergrund.

So richtig es ist, dass die EU die Migration besser als in der Vergangenheit kontrollieren will, so fatal ist es doch, wenn international das Bild hängen bliebe, es fehle an einer Willkommenskultur. Eine internationale Studie der Plattform InterNations unter hochqualifizierten Fachkräften ergab, dass zum Beispiel die Bundesrepublik zu den unattraktivsten Staaten unter 53 Ländern gehöre. Das liege an einer teils fremdenfeindlichen Atmosphäre, an bürokratischen Hürden sowie großen Problemen in den Ämtern und bei der Wohnungssuche. Da hilft die durchweg gute Qualität der Arbeitsplätze wenig. Ein ungewöhnlich hoher Teil der eingewanderten Fachkräfte verlässt die Republik nach wenigen Jahren schon wieder.

Politik muss solche Entwicklungen als Mahnung begreifen – und für eine möglichst effiziente Migrationsberatung sorgen. Für jeden Euro, der dafür investiert wird, spart die öffentliche Hand viel mehr Euro an Folgekosten ein. Zurecht plädiert Bundesbank-Präsident Joachim Nagel für eine bessere arbeitsmarktorientierte Migration. Es hapere am Zusammenspiel der Behörden.

„Wenn über Migration gesprochen wird, dann meist getrieben von Emotionen, wenig Fakten und einer ganzen Menge Ideologie“, kritisiert Multiaufsichtsrätin Janina Kugel. Bislang würde man nur in Expertenkreisen darüber reden, dass Deutschlands Wirtschaft ohne Migration in den Arbeitsmarkt nicht florieren könne. Nicht Zuwanderung ist das Problem, sondern die Art und Weise, wie damit umgegangen wird.

Schon der liberale Philosoph John Stuart Mill (1806 bis 1873) hielt fest, dass kurzfristige soziale und lokale Kosten der Migration nicht von ihrer Rolle ablenken dürfe, eine primäre Quelle von Fortschritt zu sein. Eine vorausschauende Strategie müsste, das wäre die Folgerung für heute, Wissensmigration besonders förden und den Zuzug von niedrig Qualifizierten nach Bedarf steuern – womöglich über ein Migrationsministerium.

Lernen kann die europäische Politik von Lösungen in Kanada oder Australien. Dort existieren – jenseits von Asylanträgen – „Resettlement“-Programme für besonders schutzbedürftige Flüchtlinge direkt aus Erstaufnahmeländern, etwa aus Lagern des UNHCR, dem Flüchtlingshilfswerk der UN. Beide Staaten steuern ihre Einwanderung über ein bedarfsorientiertes Punktesystem, das auch in der EU angebracht wäre.

Naika Foroutan, Leiterin des Deutschen Zentrums für Integrations- und Migrationsforschung, plädiert für ein neues migrationspolitisches Leitbild, einen „Multiculturalism Act“, wie ihn Kanada 1998 eingeführt hat. Migrantenkinder seien mit Erzählungen von Aufstieg, Gleichheit und Zugehörigkeit offensiv anzusprechen: Politik sollte „die postmigrantische Gesellschaft ambitioniert mitgestalten, statt sie permanent in Frage zu stellen“.

Keine Frage: Europa steht vor einer riesigen Bewährungsprobe. Der demografische Wandel schlägt zu. Doch seine Folgen sind gestaltbar. Eine bessere Politik beschränkt sich nicht auf Asylpolitik, sondern verschweißt sie mit Arbeitsmigration und Integration. Ob der alternde Kontinent stagniert oder aufblüht, hängt davon ab, ob er seine Zukunft mit Zuwanderern plant.  Wenn Europa politisch gut sein will, muss es auch gut zu Migranten sein.