Als Ulrich Wilhelm, 65, noch Intendant im öffentlich-rechtlichen Anstaltswesen war, agierte er als digitaler Pionier. Unentwegt forderte der gebürtige Münchner im Bayerischen Rundfunk „Trimedialität“ (Radio, Fernsehen, Online) ein und träumte von einer europäischen Internetplattform, die es mit Facebook & Co. aufnehmen sollte. Am Ende war der Reformator in der ARD ziemlich isoliert.
Für digitale Erneuerungspläne hat der „leidenschaftliche Zeitungs- und Zeitschriftenleser“ (eine ältere Selbstbeschreibung) längst ein neues Objekt gefunden: die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“, die zu 94 Prozent der gemeinnützigen Fazit-Stiftung gehört. In deren Kuratorium gibt er seit 2022 als Vorsitzender den Ton an; zudem ist er hier Mitgeschäftsführer und gehört dem FAZ-Aufsichtsrat an, so wie es die Tradition im Verlag gebietet. Gibt es heute ein „wilhelminisches Zeitalter“ in der FAZ, verbunden mit digitalem Sturm und Drang?
Ulrich Wilhelm hat Vorwürfe einer „Soloshow“ oder „Monokultur“ stets bestritten. Ein Einzelner könne gar nicht so viel Macht ausüben, da seien die Satzungen davor. Ein „bisschen Verleger“ sei er, hat Wilhelm am Anfang seiner Tätigkeit nach Presseberichten gespaßt.
Sicher ist, dass der FAZ-Konzern (mehr als 800 Mitarbeitende, gut 217 Millionen Euro Umsatz) in jüngster Zeit mit Knallgeräuschen auf sich aufmerksam gemacht hat. Serienweise haben Aufsichtsräte das Gremium verlassen, zuletzt erwischte es auch den CEO des Medienhauses, der im Zuge des ausgerufenen Generationenwechsels den Job einbüßte. Das renommierte Presseorgan sorgt für Schlagzeilen in eigener Sache. Eine SZ-Anfrage blieb ohne direkte Antwort.
Als Top-Helfer zur Bewältigung digitaler Herausforderungen hat sich De-Facto-Verleger Wilhelm einen zuletzt in der Schweiz erprobten Manager geholt, Johannes Boege, 46. Der Vize-CEO der „Neuen Zürcher Zeitung“ hat dort die digitale Transformation vorangetrieben. Die notwendigen Kosten belasteten unter anderem die Bilanz der NZZ, die 2025 einen Verlust von 35 Millionen Schweizer Franken machte. In Frankfurt beginnt der Ex-Springer-Manager am 1. Januar 2027.
Stratege Wilhelm hatte wohl schon vor Wochen seinen bisherigen CEO Thomas Lindner, 61, seit 2014 im Amt, über das Wechsel-Vorhaben informiert. Die beiden sollen sich zuletzt über die Wünsche des Stiftungschefs, kräftig in Podcasts, Videos und Social Media zu investieren, entzweit haben. Demnach habe der Manager nach der Wirtschaftlichkeit gefragt, wenn man 30 Jobs schaffe. Offizielle Stellungnahmen dazu gibt es nicht. Im Umfeld der FAZ ist von einem schon länger schwelenden Konflikt die Rede, in dem es etwa auch um die Steuerung der Sonntagszeitung gegangen sein soll.
Das Blatt wird von den vier Herausgebern der Zeitung gemeinsam verantwortet. In dem komplizierten Frankfurter System haben die Vier viel Eigenmacht, sie halten ingesamt sechs Prozent Minderheitsanteile. Der Aufsichtsrat dagegen kümmert sich um wirtschaftliche Dinge, die derzeit acht Mitglieder des Kuratoriums der Stiftung dagegen um die Unabhängigkeit. Die Übernahme der FAZ durch beispielsweise einen Tech-Mogul ist ausgeschlossen.
In der internen Gefechtsaufstellung hatte Lindner naturgemäß keine Chance mehr. Der Betriebswirt verlässt das Haus sofort, sein bisheriger Chief Operating Officer Volker Breid führt übergangsmäßig die Geschäfte allein.
Im Aufsichtsrat grummelte es wegen solcher Vorgänge, so ist zu hören. Man fühlte sich dort offenbar unzureichend informiert. Die Essener Verlegerin Julia Becker von der Funke-Gruppe („Westdeutsche Allgemeine“, „Hörzu“), vor nicht mal einem Jahr ins Gremium eingezogen, nahm aus „persönlichen Gründen“ Reißaus. Dem Vernehmen nach könne sie generell mit Vorgängen, die auf eitle Männermachtspiele schließen lassen, nichts anfangen.
Vor der Unternehmerin von der Ruhr hatten, aus unterschiedlichen Gründen, einige andere den Aufsichtsrat verlassen: Ex-Versicherungsmanager Burkhard Keese, Verleger Karl Hans Arnold, Verlegerin Katarzyna Mol-Wolf und Jurist Joachim Rosengarten. Hatten früher die Aufsichtsräte den Vorsitzenden und den Stellvertreter aus ihrer Mitte gewählt, so bestimmt inzwischen nach einer Satzungsänderung das von Wilhelm gelenkte Kuratorium der Stiftung über die Führung. Es gehe um bessere „checks and balances“, so die Begründung, früher hätten zwei Personen in der Art verflochtener Doppelspitzen alles unter sich ausgemacht.
Parallel zur Auswechslung von CEO Lindner verabschiedete sich oben im Aufsichtsrat Andreas Barner, 73, kurz vor Erreichen der Altersgrenze von 75. Der Ex-Chef des Pharmakonzerns Boehringer Ingelheim, der dort im Gesellschafterausschuss saß, habe „den Generationenübergang in Verlag und Redaktion erfolgreich begleitet“, lobt Wilhelm. Der Anspruch dabei sei, die Führung der FAZ für die nächste Dekade sicherzustellen – in durch Künstliche Intelligenz (KI) und verändertes Leserverhalten „herausfordernden Zeiten für die Medienbranche“.
Die Zahl der Aufsichtsräte soll bald wieder auf sechs oder sieben aufgestockt werden, heißt es. Man braucht sicherlich jemanden, der sich mit Medien auskennt. Neben Wilhelm sitzen dort derzeit nur BMW-Großaktionär Stefan Quandt, die chinesischstämmige KI-Professorin Feiyu Xu und Marika Lulay. Die Ex-Chefin des IT-Dienstleisters GFT Technologies übernimmt die Cheffunktion von Andreas Barner, der andererseits Vize-Chef im Kuratorium der Fazit-Stiftung bleibt.
Die vielen Personalien zeigen, wie der ausgebildete Jurist und Journalist Ulrich Wilhelm mitten im Umbau steckt. Einem größeren Publikum war er in den 2000er-Jahren zunächst als Sprecher des bayerischen Ministerpräsidenten Edmund Stoiber (CSU), dann von Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) bekanntgeworden. Die Verlegerarbeit in Frankfurt fordert nun viel ab. Für ihn sei es im Wesentlichen ein „Ehrenamt“, sagt ein Vertrauter. Es gehe ihm darum, angesichts des wachsenden Zuspruchs zu Streaming-Ausgaben der Zeitung die Vielfalt des Journalismus als Basis der Demokratie zu erhalten. Es könne nicht immer um Themen wie Bluthochdruck oder Fettspritze gehen, die online zu Abonnements führen, sondern auch um größere Fragen, etwa zu Markt und Staat. Anders als der von US-Techfürsten berauschte Konzern Axel Springer besteht die FAZ darauf, keine KI-Texte als Publizistik auszugeben. Ein KI-Gastbeitrag des CDU-Politikers Mario Voigt wurde depubliziert. Alles eine Frage der Ehre.
An die Spitze gebracht hatte Wilhelm sein Amtsvorgänger Karl Dietrich Seikel. Wo der verstorbene Ex-„Spiegel“-Geschäftsführer zwischen Stiftung, Geschäftsführung und Redaktion eher liberal-gemütlich moderierte, geht der mittlerweile in Berlin lebende Wilhelm die Sache sehr bestimmt an. Klar ist: Die von ihm gelenkte Fazit-Stiftung – allein der Wertpapierbestand erreicht 468 Millionen Euro (Bilanz 2024) – ist das klare Machtzentrum, auf das es ökonomisch ankommt; schließlich müssen andererseits 270 Millionen für Pensionen zurückgestellt werden.
Zur gestrafften Zukunftsplanung gehört, dass die reiferen FAZ-Herausgeber die im eigenen System gewachsene Helene Bubrowski, 44, aus der Table-Media-Chefredaktion zurückholten – als erste Frau ins derzeit vierköpfige Herausgeber-Gremium. Die auch Podcast-erfahrene Journalistin soll künftig mit Berthold Kohler die politische Redaktion und mit Carsten Knop die Online-Redaktion leiten. Effekt könnte sein, dass die unabhängig voneinander ihre Reiche bewirtschaftenden Herausgeber mehr kooperieren.
Man investiere in die Zukunft, schreibt die FAZ in eigener Sache – und stellt eine „Produkt- und Personaloffensive im digitalen Geschäft“, einen erfreulichen Jahresabschluss (Vorsteuergewinn: 37,5 Millionen) sowie eine „verjüngte Führung“ heraus. Vorwürfe, man habe die Personalie Lindner eher versteckt, beziehungsweise zunächst nicht gebracht, dementiert die FAZ: Alles korrekt gelaufen.
Alle Hoffnung im FAZ-Tower gilt dem künftigen CEO Boege. Er bringe „umfangreiche Erfahrung im Aufbau tragfähiger Geschäftsmodelle für Qualitätsjournalismus mit“, lobt Neu-Aufsichtsratschefin Lulay. Mit ihm werde die Marke FAZ strategisch in die Zukunft geführt. Ulrich Wilhelm wird – in seinem „Ehrenamt“ – darüber wachen.

