Meine gesammelten Werke: Wie ich die Lage gesehen habe.

Machiavelli revisited: Sieben Lehren aus Peter Sloterdijks neuem Buch über Trump & Co.

Handelsblatt, 27.03.2026

Männer mit Machtkomplex

Machiavelli revisited: Sieben Lehren aus Peter Sloterdijks neuem Buch über Trump & Co.

Handelsblatt, 27.03.2026

Seit einiger Zeit macht sich auf der politischen Weltbühne der Typus „strong man“ breit – frei von Skrupeln, frei von Scheu, Gewalt einzusetzen. Männer wie Xi Jinping, Wladimir Putin, Recep Tayyip Erdogan, Narendra Modi oder auch Viktor Orban stehen für eine mutig gewordene Corona der Autokraten, natürlich auch Donald Trump, dem der Protestruf „No kings!“ entgegenschallt. Im Buch „Der Fürst und seine Erben“ geht der Philosoph Peter Sloterdijk – so brillant wie maliziös – auf „große Männer im Zeitalter der gewöhnlichen Leute“ ein, auch auf den „verrückten König“. Sieben Lehren sind daraus zu ziehen.

 

1.    „Nicht gut sein“ – Machiavellis alte Machterkenntnis ist aktueller denn je.

Die Welt erlebe seit Mitte des 20. Jahrhunderts „einen langgedehnten machiavellistischen Moment“, urteilt Sloterdijk, der ausführlich auf „Il Principe“ (Der Fürst) eingeht, das Hauptwerk des Philosophen und langjährigen florentinischen Staatssekretärs Niccolo Machiavelli (1469 bis 1527) über Machterhalt. Die damit verbundene Blutspur der Geschichte beginnt mit Stalin, Hitler und Mao, führt über grausame Diktatoren der früheren Kolonien in Afrika, Asien und Südamerika zur gegenwärtigen Groß-Phalanx illiberaler Staatsführer. Alle beherzigten Machiavellis wichtigsten Rat: „Petere essere non buone“, widerstehe der Versuchung, dich zu den Guten zählen zu wollen. Das fällt leicht in einer Zeit, in der „Gutmenschentum“ und „Wokeness“ Triggerpunkte kulturkämpferischer Wut sind. Kalkül ersetzt Moral. Machiavelli stattete den Fürsten mit der Lizenz zum staatsnotwendigen Verbrechen aus und postulierte, wer waffenlos gut sein möchte, geht zugrunde. (Eine Erfahrung, die Irans Freiheitskämpfer machten.)

Sloterdijks bitteres Fazit: In Sachen Realpolitik könne uns Machiavelli heute nach all den Kriegen, Pogromen und Pandemien nichts mehr sagen: „Politiker brauchen keine Nachhilfe, sie sind schlecht genug.“ Im Übrigen: Macht ist eine Droge, und nach Machtentzug würden die Memoiren zur Ersatzdroge.

 

2.    Macht handelt nach dem Prinzip: „Die Welt will betrogen werden.“

In der Diktatur, auch in der Pseudo-Demokratie, ist die Wahrheit eines der ersten Opfer. Machiavelli befand, Fürsten müssten ihr Wort nur halten, wenn es sich für sie lohne, aufrichtig zu leben. In zahllosen Fällen gebiete es die Erfolgspflicht des Fürsten, die Gehirne der Menschen mit List zu umgarnen, sich mit den „Winden des Glücks“ zu wandeln. Das machte Schule: „Funktionalismus ist die Akademisierung der Prinzipienlosigkeit“, formuliert Sloterdijk. Machiavelli habe als einer der ersten verstanden, „dass wir in den großen Männern auch nur gewöhnliche Leute vor uns haben, in denen die human üblichen Kombinationen aus geistigen und animalischen Faktoren am Werk sind“.  Dazu gehöre, die „Fuchsnatur“ gut zu verschleiern, man müsse „ein großer Lügner und Heuchler sein“. Und so redet Putin eben davon, die Ukraine von Nazis zu befreien, während Trump (Sloterdijk: „Beinahe-Analphabet“) gerne schwadroniert, ihm sei die Wahl 2020 gestohlen worden.

 

3.    Der „big man“ der Politik enthemmt sich im Operettenstaat durch das „Göttliche“.

Sind wir mit dem Phänomen des Fürsten und seiner Metastasen trotz republikanischer Weisheit nicht wirklich ins Reine gekommen?, fragt sich Peter Sloterdijk. Er ist erschüttert von der aktuellen Hochkonjunktur von Begriffen wie Despotie, Diktatur, Führerkult, Alleinherrschaft, Autokratie, Illiberalismus Totalitarismus, Neo-Zarismus.  Und sieht eine Tradition im „Metier der Führervergrößerung durch Signale aus dem Jenseits“.

Tyrannei mit Gottes Segen: Man ist da schnell bei Julius Gaius Cäsar, dessen Namen den Großverleger Springer genauso schmückte wie die Gedankenwelt des Tech-Monopolisten Mark Zuckerberg, der offen Cäsarismus preist. Der Allgewaltige vom Tiber hatte sich seinerzeit den Namen „Sohn Gottes“ zugelegt, und auch die Möchtegern-Cäsaren der Neuzeit unterlägen dem Selbstaberglauben, sie seien „Kommissare im Besitz des Glaubens an ihre Bevollmächtigung“, so Sloterdijk. Das gelte erst recht für den „an die Macht gestolperten Megalopathen Donald Trump“ – der bei Amtsantritt fabulierte, er sei beim missglückten Attentat auf ihn von Gott gerettet worden, „der Amerika wieder groß werden lassen wollte.“

Unvergessen auch der frühe Autokrat Silvio Berlusconi: „Ich bin der Jesus Christus der Politik.“ Dieser Politikertypus glaubt eben: „Der Olymp hat mit mir etwas vor.“ Die Maske der Frömmigkeit zu tragen, bilde das A und O des politischen Rollenspiels, theoretisierte Machiavelli.

Putin wiederum habe, glaubt Sloterdijk, aus imperialer Nostalgie die Restauration des Zarentums auf die Agenda gesetzt, „die Gleichbedeutung von Zarismus und Cäsarismus voraussetzend und riskierend“. Gemäß dessen Ideologie, in der Ex-KGB-Agent Kyrill I. als Patriarch Russlands eine Hauptrolle spielt, ist östliches Christentum die „moralische Tapete einer Aggressionsmacht“. Hier herrsche Sendungsbewusstsein bis zum Tod vor: Auch Adolf Hitler war 1945 der Meinung, die Deutschen hätten einen Führer wie ihn nicht verdient.

 

4.    Absolute Machthaber lieben Masken des Absurden.

Übers frühe 21. Jahrhundert schreibt Sloterdijk, dass unzählige Zufälligkeiten, politisch addiert und ideologisch überhöht, einen „zwingenden Zug in den Abgrund“ erzeugen könnten. Mit dem Boom der Autokratien und Nationalismen sei das „Phänomen des zivilisatorischen Rückfalls zur vorherrschenden Spukgestalt des politisch Absurden“ geworden.

Der warnende Philosoph sieht überall Banalitäten und eine Politik im „mediatisierten Theaterstaat“, in dem große Männer „Masken des Absurden“ tragen. Stilbildend sei Louis-Napoléon Bonaparte gewesen, der Enkel des Imperators Napoléon Bonaparte, der sich 1848 demokratisch zum französischen Staatspräsidenten wählen ließ, dann aber im Dezember 1851 eine Diktatur errichtete, mit ihm bis 1870 als Kaiser Napoléon III. Frankreich sei so zum „Mutterland des absurden Theaters“ geworden: Wer Demokratie sät, wird Diktatur ernten.

Dieses zweite Empire spielte die Größe des ersten unter Napoleon mit Pomp und Gloria nach: „Es begann die Geschichte moderner Fake-Politik, in der die Nachahmer, Schauspieler, Impersonators und Deklamatoren an die Macht drängen.“ Unter „Napoléon le petit“ wurden stetig Imagination und Spektakel bemüht, sehr zum Verdruss des Gegenspielers Victor Hugo. Der Kaiser sei nur von Dienstboten und Dirnen umgeben, nicht von Königen und Generälen, wetterte der Schriftsteller im Exil: „Er nimmt alles, vernutzt alles, besudelt alles, entehrt alles.“

Was hier kritisiert wurde, nennt man heute „Hollywood-Effekt“ – zu dem gehört, dass sich Trump einen Ballsaal im Weißen Haus bauen lässt, weil er dem Pariser Elysée-Palast den schönen salle des fêtes neidet. Noch mal Sloterdijk: „Wer die Bilder von der Amtseinführung Donald Trumps im Jahr 2025 vor Augen hat, weiß, wie sehr Victor Hugo unser Zeitgenosse ist.“ Solche Aufsteigerfiguren würden nicht Intellektuelle begleiten, sondern Halbtalente, Scharlatane und die Milliardäre, die Billionäre werden wollen: „Das wahrhaft Unfassbare ist, dass so kleine und unscheinbare, fast könnte man sagen minderwertige Leute im Zusammenwirken mit ihresgleichen so maßloses Unheil bewirken können.“ Wer würde da nicht an all die Hegseths, Vances, Rubios, Thiels oder Altmans denken? „Man drängt erfolgreich zum Thron, wenn man die Scham abgelegt hat“, so Victor Hugo.

 

5.    Macht hat, wer die Kommunikation der Bürger prägt und überwacht.

Demokratie war lange Zeit durch Zeitungen und literarische Klassiker als Bildungsquelle der Bürger geprägt. Inzwischen aber greifen hier Figuren wie Zuckerberg, Jeff Bezos, Larry Page (YouTube), Zhang Jiming (Tiktok) oder Elon Musk („X“) an. Die Bewohner postdemokratischer Zonen würden sich, so Sloterdijk, über separatistische Tonwelten und bildbasierte Infosphären jenseits der konventionellen „Realosphäre“ verbinden und isolieren. Unter dem Überbegriff „Information“ mache sich die Macht der „weitgehend ungezügelten Emission von Daten und Bildern geltend“. Hier wirke als „Souverän“, wer in die Vielzahl in sich geschlossener Blasen eindringt, um sie auf einen Standard zu bringen – wer also imstande ist, „die Kommunikation der Bürger über die Machthabenden bis in die kapillare Ebene zu überwachen“. Dafür sorgen im feudalen Technokapitalismus Daten und Algorithmen. Alte Illiberalität, neue Überwachungstechnik.

Aus dieser Sicht hat sich die Machtvertikale früh mit einer Medienvertikalen verbunden. Eine Figur wie Trump hält durch Plattformen wie X oder sein eigenes Social Truth die Mitwelt über die „gewollten und ungewollten Entgleisungen seiner Madman-Strategie auf dem Laufenden“ (Sloterdijk). Seinen Anlagen und Neigungen nach sei er „kein Politiker, eher ein Dealer, am meisten ein Clown, der den Diktator gibt“. Trump sei ein Halbwüchsiger geblieben, der spät entdeckte, dass der Staat ein Spielzeug von einigem Amüsierpotenzial sei: „Man sollte sich hüten, von der Größe des Spielzeugs auf die Riesengestalt des Spielers zu schließen.“

Wer so regiert, muss „Living the news cycle“ beherrschen, also nonstop empörende Nachrichten produzieren – Narrative der Selbstbehauptung und Selbstvergrößerung, begleitet von Impulsen zur Abrechnung und Revanche.

 

6.    Souverän ist, wer über den Ausnahmezustand herrscht.

Damit ist man beim antiliberalen Staatsrechtler Carl Schmitt (1888 bis 1985) angelangt, einst eine Größe des Nationalsozialismus, der von Interessensphären schrieb und glaubte, nur der Krieg mache Frieden möglich. Sloterdijk sieht Abenteuertum: „Man müsse befürchten, Carl Schmitt, würde er heute in den USA leben, hielte sich beim Tross um Donald Trump auf“. Bei dem Juristen sei der Souverän der „staatsjuristische Zweitname des Diktators“, die „souveräne Diktatur“ erscheine als Ausdruck „nachmonarchischer Volkssouveränität“.

Schmitt sei jedoch dem Trugbild eines Kollektivsubjekts Volk erlegen, lautet Sloterdijks Kritik, in Wirklichkeit gebe es bei den Regierten eine regelrechte Kakophonie – es sei denn es herrsche Ausnahmezustand. Deswegen läge es in der Logik des Diktators, „den Ausnahmezustand zu verallgemeinern, ja, wenn möglich zu steigern“.  Dann kann der Mächtige Selbstentkriminalisierung vorantreiben, rechtlich ist er nicht mehr belangbar, und er darf beteuern: „Das Volk bin ich. Ich bin sein bestes Selbst, ich bin seine Essenz, seine Ekstase, seine Rettung.“ In illiberalen Systemen, so Sloterdijk, seien „auch die meisten Richter mit fadenscheinigen Roben bekleidet“.

Die Mittel zum Diktatur-Aufbau fänden sich im Arsenal des Populismus, heißt es in seinem Fürsten-Buch. Das schließt systematisches Lügen, Einschüchterung der freien Rede, Gleichschaltung der Medien, Lähmung der Parlamente, Umwandlung der Richterschaft in eine Gefolgschaft und Aufstachelung des Mobs ein. „Es kann kein Zweifel bestehen, dass Trumps Amerika diese Anzeichen der autoritären Transformation aufweist.“ Die Malaise vergrößere sich, weil Trump, „vulgär wie kaum je ein Vorgänger“, darauf beharre, in direkter Konkurrenz zu den amtierenden Diktatoren in Moskau und Peking zu stehen. Nichts habe verhindert, dass über „Trumps hoch infizierbares Ego der Virus der Illiberalität in die immunschwachen USA eingeschleppt wurde.“

Der Krieg als vorweggenommene Notwehr schließlich ist der größte aller Ausnahmezustände. Machiavellis Beobachtung scheint sich zu bestätigen, wonach Frieden als Ausnahmezustand des Kriegs anzusehen sei, „als Intermezzo von unbestimmter Länge zwischen Waffengängen“. Einen genauen Plan haben dabei die wenigsten der „großen Männer“. Man improvisiert. „Nie steigt ein Mann höher, als wenn er nicht weiß, wohin er geht“, wird Oliver Cromwell zugeschrieben.

 

7.    Angesichts der vielen großen Männer muss auch das Volk mehr Größe zeigen.

Ein letztes Mal Machiavelli: „Das Streben des Volkes ist ehrenhafter als das der Großen, insofern diese Unterdrückung ausüben wollen, indes das Volk nicht unterdrückt werden will.“ Demokratie, wie wir sie schätzen, funktioniert nur nach der Philosophie von Immanuel Kant, wonach hier Vernunftwesen (Citoyen) handeln, die sich durch geeignete Politiker vertreten lassen. Danach sei jeder ein König in Straßenkleidern oder ein Heiliger im Habit, erläutert Sloterdijk. In der Realität aber würden Regierungen durch Koalitionspartner, interessensverbände, Lobbyisten oder mediale Agitationen erpresst. Die demokratische Tagesarbeit sei kleinteilig und langwierig, ganz auf Kompromiss ausgerichtet. Für all jene, denen das zu viel ist und die nicht wählen, zähle dann nur das kleine Spiel der Konsumentensouveränität. Abdankung sei die letzte Geste des Wähler-Souveräns. Aber aus der Summe der Abdankungen erwachsen weite Areale für „Ambitionsmächte“.

Zum Schluss gibt sich Sloterdijk weitgehend illusionsfrei: „Es kostet inzwischen mehr, mit einem einzigen machtberauschten Staatsoberhaupt fertig zu werden als früher mit der ganzen Menschheit.“ Monströses, Unfassbares käme auf uns zu: „Die Rasereien der Selbstbehauptung gehen intensiver denn je weiter; alle Welt lebt in Rüstungsdelirien, keine höhere Instanz moderiert den Wettbewerb zum Tode.“ Die Konsequenz: „Die gewöhnlichen Leute sind, wie sie zur Freiheit verdammt sind, auch dazu verurteilt, auf ihre Weise etwas Größe zu zeigen.“ Sie müssten „Helden im Ertragen von Widersinn“ werden. Fluchtwege – wie sie linke und rechte Revolutionen einst eröffneten – seien bis auf weiteres blockiert.

Ganz ernsthaft stellt sich Sloterdijk die Frage, ob es je zuvor so viele „große Männer“ mit großen Ansprüchen gegeben hat, die bereit sind, um der Macht willen verrückt zu werden. Er zitiert Friedrich Nietzsche: Ich impfe euch mit dem Wahnsinn! Und so sei es wohl der beste Rat für Europäer, eine allgemeine politische Herdenimmunität zu fördern, „jenseits von Nationen, Rassen, Klassen und allen anderen Vorwänden der Selbsterhöhung und Selbstabsonderung“. Abwarten also, auf Distanz bleiben zu den irren Königen, nicht gemein machen mit dem Mob, überleben mit Esprit, so die Conclusio: Irgendwann ist auch die Zeit der Trumps und Putins vorbei.